„Ich weiß nicht, wann ich es sonst tun könnte. Ich möchte allein mit dir sein, und es ist etwas Wichtiges,” fuhr sie fester und lauter fort.
Der Geheimrat blickte sie ungläubig und ziemlich ungnädig an. „Na denn! Aber kurz!”
„So kurz ich kann!”
Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie in ihren Zügen und Gebärden vergeblich zu bemeistern suchte. „Setz' dich mal! Hierher!” Er schob ihr den Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. „Und nun vorwärts — wenn's so wichtig ist!”
Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie geheißen. Mit schlichten Worten, wie ihr sie das Gefühl eingab, erzählte sie, was zwischen ihr und Perthes vorgegangen war. Die Liebe gab ihr den Mut, herzlicher und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater gegenüber wagte.
Der alte Herr hörte zuerst nur sehr im allgemeinen zu. Er spielte mit seinem Gänsekiel und sah ab und zu in seine Blättchen. Allmählich änderte sich das. Seine Augen vergrößerten sich hinter den Brillengläsern. Er schob sein Käppchen von der einen Schläfe nach der anderen, warf den Gänsekiel beiseite und strich sich mit einer barschen Regelmäßigkeit seinen weißen, kräftigen Bart.
Er traute seinen Ohren nicht. Da saß eins seiner Mädels am hellichten Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein in seine römische Kaisergeschichte, eine handgreifliche Liebesaffäre zum besten. Wäre es Elli gewesen, auch Käthe — er hätte sie einfach hinausgeworfen. Aber Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte! Die ihm viel zu besonnen und abgeschlossen geschienen, als daß sie sich bei ihrem Leiden auf solche Dinge einlassen sollte!
Den alten Herrn überlief es bald heiß, bald kalt. Einmal war er nahe daran, zornig aufzubrausen: Also zu derlei kapitalem Unfug habt ihr eure Sommerferien benutzt! Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen: Das sind ja Märchen, Kind! Du träumst! Oder du hast dich täuschen lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der Ernst, mit dem Marga sich ihm mitteilte, das tiefe Glücksgefühl, das hinter ihren Worten warm und stolz aufleuchtete, entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie stürmisch zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige als auf sinnenfällige Beobachtungen verstand, sogar er bemerkte jetzt, wie ihre äußere Erscheinung, die ihm bisher nur als „wohl” aufgefallen war, in diesen Sommerwochen an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie die blicklosen Augen über den frischeren, farbenvolleren Wangen die Sonne von innen nach außen trugen. Sein Zorn und sein Unglaube gingen in fassungslose Bestürzung über. Hier handelte es sich also nicht um eine backfischhafte Kinderei; nicht um eine von den nebensächlichen Kleinigkeiten, mit denen die „Bande” immer zur Unzeit daherkam. Da war vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung, die nicht den grimmigen Pascha, sondern den Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief und verlangte. Er hatte da drüben in Bayern gemurrt, weil der Arzt ihm die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte er seinen Berg vor sich, zu Hause! Den höchsten, den er seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte auftürmen sehen. Den hätte er sich gern verbieten lassen; aber der, gerade der mußte erstiegen sein!
Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem Schweigen, die Hände im Schoß verschränkt und die Augen erwartungsvoll gesenkt, harrte sie auf Antwort. Es war so still in dem verqualmten, bücherumhegten Zimmer — man konnte den Holzwurm hören, der in den goldbraunen, altfränkischen Möbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit bohrte und tickte.
„Das — das ist also — so gewissermaßen — mein Reisepräsent!” stöhnte der alte Herr nach geraumer Weile, viel eher schmerzlich als vorwurfsvoll. „Was soll denn da geschehen? Was soll denn ich nun dazu tun?” Ratlos und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an Marga und stöberte dabei, was seit Menschengedenken unerhört war, selber seine Zettel und Manuskriptblätter durcheinander.