„Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glücklich zu werden,” meinte sie leise und überzeugt.
„Erlaubnis? Glücklich werden! Als ob das mit zwei Worten abzumachen wäre! Ich — ich, der ich diesen jungen Menschen da, diesen, diesen — deinen Max oder wie du ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne! Der ich — bei dir — mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch —” Er stand vor ihr und fuchtelte mit den Händen. Er hatte sagen wollen: Die du blind bist! Die du nicht heiraten sollst und kannst! Aber der traurige Schatten, der über Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, ließ ihn abbrechen. Alle seine gebieterische Würde, seine pflichtmäßige Entrüstung vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände: „Kind! Kind! Was habt ihr denn da angerichtet! Mußte das denn sein? Sag doch selber, daß es ungereimtes Zeug ist! Und daß —”
„Gewiß ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt, wie es dir jetzt vorkommen will! Und er — Doktor Perthes — möchte mit dir reden, um dir's noch besser zu sagen, als ich's kann!”
Der alte Herr ließ die Hände sinken. „Mit mir reden!” wiederholte er verzweifelt. Also so weit war die Geschichte schon. Die Präliminarien waren alle schon überwunden. Womöglich mit einem richtigen, auswendig gelernten, feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das Haus stürmen.
„Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,” ergänzte sich Marga bittend.
„Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja das reinste Komplott! Das verbitt' ich mir! Das —” Der Geheimrat suchte vergeblich seinen handfesten Grimm wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen wider die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. „Überlegen werd' ich mir doch die Sache noch dürfen!” stieß er mit klagender Rauheit hervor.
„Ich bitte dich drum,” gab Marga herzlich und mit Vertrauen zurück. „Sicherlich wirst du —”
„Nein! Nein!” wehrte sich der alte Herr. „Nichts werd' ich sicherlich! Gar nichts: sicherlich!” Er suchte sich eine gebieterische Haltung zu geben. „Laß mich jetzt zufrieden! Ich muß arbeiten! Allein sein!”
Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber ihre Arme, ihre Hände suchten nach ihm. Durch eine Liebkosung wollte sie ihn um Vergebung, um Hoffnung bitten.
Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfähig genug, um einer „Gruppenbildung”, wie er das sonst so verabscheuend nannte, auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal über die fahlblonden, weichen Scheitelhaare, ungeschickt wie ein verschämter Liebhaber. Reden wollte er um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten.