Und für Marga war schon seine flüchtige Zärtlichkeit trostreich und hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen hätte, daß seine Brillengläser sich sehr verdächtig beschlugen! Er schob sie von sich, ehe sie seine Hand erhaschen und küssen konnte.

Gehorsam ging sie nach der Tür und aus dem Zimmer.

Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der Arbeit sein Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung, die ihm da plötzlich aufgebürdet wurde, irgendwie vertagen können — etwa wie eine inopportune Quellenfrage zweiten Ranges —, hatte er sich über seine eigentliche Gemütsverfassung getäuscht. Nach einem vergeblichen Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre des Trajan zurückzukehren, sprang er gleich wieder auf. Es begann ein rastloses Auf- und Niederschreiten, das von leisen und lauten, schmerzlichen und zornigen Erwägungen begleitet war.

Daß die Mädels einmal würden heiraten wollen — „Männer daherschleppen könnten”, hieß er es bei sich —, hatte er mitunter im Bereich der Möglichkeit gesehen. Aber fern, so fern, daß es beinahe wieder ins Reich der Unmöglichkeit gehörte. Bei Marga war es für ihn immer eine stillschweigende Gewißheit gewesen, an die er nicht rührte: Sie wird nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen, um daran zu denken. Mitunter, wenn sie ihm träumerisch und gefühlsweich zu werden schien, hatte er sie etwas derb angefaßt: nicht aus weitblickender Überlegung, sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung. So wie es einmal mit ihr hatte kommen müssen, sollte sie dem Leben lieber zu hart als zu weich gegenüberstehen. Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen. Für keins seiner Mädels. Dafür hatte er weder Talent noch Zeit. Und sie waren ja auch so ganz leidlich geworden. Wenigstens hatte es ihm bisher so geschienen.

Nun brachten ihn die jähen Enthüllungen des heutigen Nachmittags aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer nach einem fertigen Kapitel der Kaisergeschichte eine neue Schrift vorgelegt hätte, die er nicht kannte und die seine ganze Auffassung über den Haufen warf. Er wurde irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die Tanten und Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren gemeint, er könne mit den drei Mädels so allein nicht zuwege kommen. Die bloße Paschastrenge tat es nicht. Er hätte sich mehr mit ihnen abgeben müssen. Mit jeder von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen sitzen, mit ihnen ausgehen, ihr Tun und Lassen überwachen, die Kindsmagd spielen — das lag ja so weit, so himmelweit ab von seinem Beruf, der geistigen Lebensaufgabe, die das erste hatte sein müssen! Es half ja auch gar nichts, wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles hätte anders, hätte besser machen können. Damit konnte er die Tatsache nicht wegbuchstabieren, daß Marga, seine Marga, sein Sorgenkind sich von einem wildfremden Menschen liebhaben ließ.

Er durfte nur ja oder nein sagen.

Nein sagen mußte er natürlich.

So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft sträubte sich dagegen, in eine solche Ehe zu willigen. Marga war blind. Sie konnte niemals einem Mann, und wenn er ein Held an Selbstüberwindung war, das sein, was er von einer Lebensgefährtin fordern mußte. Eine solche Liebe, sie mochte noch so groß und überschwenglich sein, mußte sich wund und mürb reiben an den Forderungen der Wirklichkeit. Das konnten zwei törichte junge Leute bestreiten, aber es blieb darum nicht minder wahr und mußte jedes Glück zerstören. Also mußte er nein sagen.

Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so lehnte sich auch schon sein Herz mit voller Macht gegen das grausame Verdikt auf.

Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurück, in denen Marga, ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablösung das helle, frohe Licht ihrer klaren Augen verlor. Es war etwa ein Jahr nach dem Tod seiner Frau. Und dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der erste. Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln und Aufbäumen gegen das Unabänderliche, alles, was er mit dem Kind blutenden Herzens durchlitt und durchkämpfte, bis es in frühzeitiger, innerer Reife über sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es nicht genug, daß das Schicksal sie von tausend Freuden des Tages ausschloß und in immerwährende Nacht bannte? Blind sein — hieß es für sie nicht, mit einem Teil ihres Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte? Wo stand geschrieben, daß Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das Recht und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher nahm er die Macht, zu entscheiden: Das ist dein Glück, und das ist dein Unglück? Die Liebe — konnte sie sie nicht entschädigen wollen für das, was ihr an Licht und Lust genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer mit ihr zu meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in ihm bekämpfte die nüchterne Besonnenheit, die er seinem guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte den Mann nicht — kaum von Angesicht — der ihr die Hand bieten wollte. War es ausgemacht, daß er nicht wußte, was er wollte und tat? War es wirklich so über allen Verstand, daß ein Mann diese ruhige, offene, klare Marga liebte, so liebte, daß er ihre Blindheit über ihrem inneren Wert vergaß? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und Fülle ihrer Seele gegen das Gebrechen ihres Körpers. Fast war es, als hielten unter solchem Gewicht das Für und Wider sich die Wage ...