Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen und Sorgen die Stunden vergingen.

Es wurde Abend.

Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein huschte zwischen den Zweigen im Vorgarten hindurch auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn nicht wie sonst auf seinem Platz, den weißbärtigen Kopf über Bücher und Manuskriptblätter gebeugt. Verwundert glitt sie allmählich aus der Stube und ließ der Dämmerung das Feld.

Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen Kommode, deren goldbraunes Holz metallene Ranken verzierten. Auf der Kommode stand eine Photographie, in die er sich vertieft hatte. Es war das Bild seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als könnte ihr jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der Ferne vieler Jahre Trost und Klärung in seine Wirrnis bringen.

Als es an die Tür klopfte, fuhr er erschreckt zusammen.

Mit einem gepreßten „Ich komme ja schon!” winkte er Käthe, die fragend hereinschaute, aus der Tür.

Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und dann saß er zerstreut und wortlos beim Essen. Kaum daß er die Speisen berührte. Nach einer Viertelstunde verschwand er wieder.

Käthe, die nicht wußte, was vorgefallen war, erging sich in besorgten Mutmaßungen über seine Gesundheit. Sie ließ durchblicken, daß Hofrat Geismar ihr in Kreuth einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen gemacht habe, wie wichtig es sei, daß sich Papa schone. Sie fand nur wenig Gehör bei den Schwestern und verstummte wie sie.

Elli drückte Marga heimlich ermunternd die Hand. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, in Vater Richthoffs Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga sie später im Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr Optimismus das Barometer höchstens auf „Veränderlich” zu deuten.

Eine beklemmende, schwüle Nacht senkte sich auf das Haus am Wenzelsberg.