Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats überdauerte mit ihrem Schein die spätesten Wanderer. Als der alte Herr sie endlich löschte, hatten die Geister der römischen Cäsaren Gelegenheit, sich über wunderliche Dinge, die sie gehört und gesehen, die erlauchten Köpfe zu zerbrechen.
Am nächsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung mit Marga.
Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen von Vater und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser Stunde. Der Geheimrat sprach weder das Ja noch das Nein, das zu erwirken seine Vernunft und sein Herz sich so heiß befehdet hatten. Aber er erklärte sich bereit, den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestörer, zu empfangen. „Um ihm den Kopf zu waschen!” wie er meinte. Und er ließ sich zwar nicht von Marga küssen, aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Kuß auf die Stirn und brummte etwas von „Vertrauen haben” in den Bart. Und Margas Augen schimmerten von Dankbarkeit. —
Käthe hatte sich für den Nachmittag mit Lizzie zu einem Besorgungsgang in die Stadt verabredet. Bald nach Tisch ging sie aus dem Haus.
„Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!” frohlockte Elli, als sie mit Marga allein zurückblieb.
„Ich hätte ihr gern eine Andeutung gemacht,” meinte Marga nachdenklich. „Sie wird es nicht schwesterlich finden, daß ich sie so gar nicht vorbereitete.”
„Ach was,” beruhigte Elli, „die Überraschung ist ja gerade das Netteste! — Was machen wir jetzt? Es dauert noch anderthalb Stunden, ehe das große Ereignis beginnt. Ich glaube, ich bin aufgeregter als du, Margakind! Faß mal an!” Sie legte die Hand der Schwester an ihre glühheiße Wange. „Hast du kalte Hände — puh! Dir scheint's ja auch tüchtig schummerig zu sein. Wir müssen was vornehmen! Du hättest mal sehen sollen, wie Papa aussah bei Tisch! Richtig feierlich wie ein Brautvater. Und manchmal bewegte er die Lippen, wie wenn er eine kleine Ansprache hielte — an den künftigen Schwiegersohn natürlich!” Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Eßstube hinaus auf den Weinberg. „Wahrhaftig! Papa kommt schon zurück! Keine zehn Minuten war er heut' bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schön auf den Kopf gestellt, Margakind! — Komm, wir gehen nach oben! In unsere Stube. Da wird's noch am ehesten auszuhalten sein.”
Marga ließ sich willenlos von Elli hinaufführen. Nun, da die Entscheidung mit jeder Minute näher auf sie zukam, wurde es ihr doch schwer und schwerer ums Herz. Um nicht verzagt zu werden, mußte sie sich immer bei sich wiederholen: Es ist ja doch das Glück, das vor der Tür steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max —
Aber Elli ließ sie nicht erst lange grübeln. Sie drückte sie in die Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und schwatzte — schwatzte das Blaue vom Himmel herunter. „Natürlich wird ihn Papa nachher dabehalten. Er muß bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein offizieller Bräutigam! — Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen — als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich so richtig was erzählt? — Eigentlich ist's doch zu schnurrig, daß du die erste von uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel, die Wilmannsmädels — die Gesichter möcht' ich sehen! — Wer wohl die nächste nach dir ist? Wenn doch Wilkens endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen. Aber seine Meineide sind gar nicht mehr zu zählen!” Traurig und seufzend ließ Elli die Stimme sinken.
„Diesmal wird er bestimmt Wort halten,” tröstete Marga.