„Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen Kollegen schätzen gelernt,” schob Perthes ein, wobei er sich selbst über die neugewonnene Fähigkeit wunderte, sich durch billige Komplimente für andere ins beste Licht zu setzen. Perfid war er also auch schon.

„Zugegeben, lieber Perthes!” stimmte Hupfeld in das wohlfeile Lob ein. „Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder Zug ins Große. Er kann nichts selber in die Hand nehmen, wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der leitende Arzt, der mich vertreten soll, muß etwas vom Herrscher an sich haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!” Exzellenz gab jedes dieser ihn selbst verherrlichenden Prädikate mit monumentaler Rhetorik von sich. „Und dann — was die Hauptsache ist —, er muß das Zeug zu einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute Brunner bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit nicht. Das haben — senza complimenti — Sie, mein lieber junger Kollege!”

Perthes wollte mit einer Schmeichelei für die Ganzgroßen abwehren. Aber dazu reichte seine Gewandtheit noch nicht. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er mußte sie durch Gebärden ersetzen.

„Doch, doch!” versicherte huldvoll der Geheimrat, der ihn auch so verstand. „Machen wir uns nichts vor. In so einschneidenden Fragen pflege ich mit rücksichtsloser Objektivität vorzugehen. Bleiben wir also bei sicheren Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir arbeiten, hat mich von Ihrer außerordentlichen Befähigung überzeugt. Sie wären mein Mann! Sie werden es sein —”

„Aber, Exzellenz, ich bitte —”

„Hören Sie mir ruhig zu, lieber Freund!” Hupfeld legte die überweiche, berühmte Hand auf Perthes' Arm. „Ich habe alles erwogen. Sie sind sehr jung. Brunner darf nicht vor den Kopf gestoßen werden. Es heißt diplomatisch zu Werke gehen.” Ein schlaues, geistreiches Lächeln kräuselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte mit rednerischer Selbstgefälligkeit sein Projekt. Er wollte es übernehmen, Brunner von seinen guten Absichten zu überzeugen. Erstlich sollte dieser als der ältere durch seine Fürsprache im Ministerium — es genügte da ein Wink nach der Residenz — schon in den nächsten Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm Hupfeld die bestimmte Aussicht machen, daß er binnen Jahresfrist einen Ruf als Außerordentlicher oder Leiter eines städtischen Krankenhauses nach auswärts erhielte. Dafür konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen garantieren. Demgegenüber mußte Brunner einsehen, daß Exzellenz sich den jüngeren Perthes für die Stellung eines ersten Assistenten ganz speziell heranbilden wollte, und mußte ihm schon jetzt die nominelle Vertretung dieses Postens überlassen.

So weit war der Geheime Rat in seinen Ausführungen gekommen, als das Automobil sein sausendes Tempo verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.

Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie angelangt war, nicht abgebrochen werden. Es blieb Perthes nichts anderes übrig, als die Einladung anzunehmen, mit Hupfeld zu frühstücken. Er griff sich an den Kopf, als er die Räume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit so großem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste Viertelstunde, während er neben seinem Chef in dem weiträumigen Saal mit den gewaltigen Schränken, den seriösen Ahnenbildern, der neu angelegten, kostbar-bunten Porzellansammlung saß, meinte er einen schweren Traum zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrücktes Herz mit eisiger Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei einer Flasche Mosel und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks stellte Hupfeld die Bedingungen auf, unter denen er seinen künftigen ersten Assistenten verpflichten wollte. Perthes sollte sich innerhalb der nächsten vier Jahre nicht habilitieren dürfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfügung zu sein; sich auch dann noch ohne seine Zustimmung weder nach außerhalb bewerben noch einen etwaigen Ruf annehmen dürfen. Die Anstellung sollte erst nach einiger Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt, blieb späterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime Rat verschwieg, daß er bei dieser Gelegenheit einige dem Minister genehme, ihm zum Lob gereichende Ersparnisse zu machen gedachte. Dagegen ließ er Perthes nicht im Zweifel, daß er ihm die zukünftige Karriere innerhalb der hiesigen Universität gewährleisten wollte.

Perthes sah durch diese glänzenden Anerbietungen jede Erwartung weit übertroffen. Gleichwohl zwang er sich dazu, seiner Befriedigung keinen allzu begeisterten Ausdruck zu geben. Der Dämon, von dem er sich in seiner Selbstverachtung beherrschen ließ, riet ihm, sich zu sparen und seine streberischen Pläne womöglich als Ganzes zur Reife zu bringen. Es lockte ihn, seine Fähigkeit, emporzukommen, gleich durch ein Meisterstück zu erproben.

„Exzellenz sehen mich gegenüber solchen Beweisen des Vertrauens verwirrt —”