Sie flüsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurück. Sie wußte, daß es nicht sein konnte. Sie atmete den Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe bebte sie zurück vor der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie tastete um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch. Ihr inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schöner als alle Wirklichkeit. Sie sah das büchervolle, verqualmte Zimmer; sie sah den Tod, eine anmutige Mädchengestalt mit einem Büschel Frühlingsblumen in lachenden Farben, die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gütigen Gesicht scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verständnisvollen Lächeln sich über den Duft und die Blüten neigte und tief, immer tiefer darin versank. Und stumm, andächtig, ein Bild im Bilde, saß sie dabei und hielt Wache, während die Tränen sich leis und schwer aus den blinden Augen lösten und über ihre gefalteten Hände tropften ...
Später kamen die Schwestern. Nach ihnen der Arzt, Hofrat Geismar. Er konnte nur den durch eine Herzlähmung herbeigeführten Tod des Freundes konstatieren.
Und dann kam es weiter wie ein wirrer, böser Traum, Stunde um Stunde, vom Tag zur Nacht, von der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trübes, düsteres Geleit.
Elli und Käthe waren wie gelähmt von Schmerz. Nur Marga behauptete inmitten des Gedränges der kleinen, harten Notwendigkeiten ihr Gleichgewicht. Mit ihr allein konnte Professor Wilmanns, der als erster am Platz erschien und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten übernahm, sich beraten und bereden. Das Schicksal hatte gesät. Rauh und herb. Aber gerade dieser tiefe, große Schmerz ließ die neue Kraft ihrer Seele emporwachsen: die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Stärke zu leiden und zu lieben.
Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen so froh und festlich gestimmt, zog trauernd durch das verwaiste Haus am Wenzelsberg. Verwandtschaftliche und offizielle Beileidsbezeugungen von auswärtigen Universitäten, vom Ministerium, von der Berliner und Münchner Akademie, von seiner Burschenschaft; die würdige Feier in der Aula, bei der Borngräber die knappste und ergreifendste Rede seines Lebens hielt, das machtvolle Feiergepränge des akademischen Leichenzuges wogte daher und wogte vorüber. Noch ein Druck von unzähligen, wohlmeinenden Händen am Grab, und dann führte die letzte Kutsche die drei schwarzgekleideten Richthoffmädels zurück ins einsame väterliche Haus ...
In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen hatten, kam sich das alte Haus am Wenzelsberg schlecht und wurmstichig und älter vor denn je. Es knackte in seinen Dielen, es streckte sich im Gebälk und in den Wandfugen. Dann horchte es in sich hinein: es war ein eigentümliches Knistern und Raunen im öden Arbeitszimmer von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen, erzgemeißelten, ehrfurchtgebietenden Cäsaren — sie zogen aus Zetteln und Blättern, aus Winkeln und Ecken durch die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie hatten begriffen, auch sie, daß es zu Ende war.
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Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte Leutnant Hupfeld gelegentlich ausgerufen: „Ich kann mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli mir als junge Frau zu denken, ist mir schlankweg unmöglich!”
Der frische, natürliche Junge hatte da ein Wort gesprochen, wahrer und prophetischer, als er selber wußte.