Frau Alice Perthes war nicht zu Würde und Ehrsamkeit, oder, wie sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau geschaffen. Ihre Sucht, modern, chic, vorurteilslos zu sein, war nicht gemacht und angelernt; sie ergab sich durchaus natürlich und folgerichtig aus ihrem wurzellosen Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen Temperament, ihrer spottlustigen, spitzbübischen Wechselnatur, wie sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem graziös-leichtfertigen Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Körper sich ausdrückte. Sie war auch gar nicht gesonnen, in der Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das flotte Mädel zu sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb Alices Wahlspruch auch für die Ehe. Und Perthes, den eben diese herausfordernde Mädelsmanier so leidenschaftlich angezogen hatte, wiederholte ihr immer wieder: „Gerade wie du bist, Irrwisch, brauch' ich dich und will ich dich haben!”

Die neue gesellschaftliche Atmosphäre, in die sich Perthes versetzt hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren Annehmlichkeiten fühlbar geworden. Ein elegantes, großzügiges häusliches Leben, Geselligkeit im eigenen Heim, Geselligkeit draußen, der angenehme Nervenreiz beständiger Abwechselung: das waren lauter Dinge, die ihm fürs erste imponierten. Soweit es seine beschränkte Zeit irgend erlaubte und die Rücksicht auf die sichere Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte, es zuließ, machte er mit. Den großen Rout im Palais Hüningen, die üppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern, kleine und große Schmausereien bei Hammanns und anderen Bekannten — ließ er sich nicht entgehen, auch wenn er sich mal ein bißchen kaput und ermüdet fühlte. Worin er sich bescheiden mußte, das war der Sport, dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das Neueste, was die Gräfin Hüningen einzubürgern suchte, war Polo, und Alice war Feuer und Flamme für das Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft werden. Wenn er zur Hauptmahlzeit zwischen sechs und sieben „mordshungrig” von der Klinik kam, mußte er sich öfter allein servieren lassen, weil sein Irrwisch noch „herumstrolchte”. Aber das Grundgesetz ihrer Ehe, das er stillschweigend sanktioniert hatte, war die Freiheit hüben und drüben. Sie mußte geachtet werden.

Mitte Mai — er war eben am Schluß eines solchen Junggesellenmahls angelangt — kam Alice aus der Stadt heim. Gewöhnlich brachte sie einen Sack voll Tagesneuigkeiten mit, die sie als Nachtisch zur gefälligen Auswahl ihrem Räuberhauptmann auf den Tisch schüttete. Im Vorbeigehen hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot gegessen und setzte sich dann noch zur Unterhaltung neben ihn.

„Denk' mal an — ich komme durch die Hauptstraße — sehe an einem Bücherladen ein Telegramm des Tageblättchens angeschlagen und denke Wunder was passiert ist. Nachher steht weiter nichts drin, als daß irgend ein oller Professor am Herzschlag gestorben ist!”

„Wer denn? Von hier jemand?” fragte Perthes ziemlich gleichgültig, während er sein Glas mit gemischtem Rotwein an den Mund setzte.

„Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.”

„Doch nicht Richthoff?” Perthes setzte sein Glas ab. Er war unwillkürlich betroffen.

„Doch — Richthoff. Natürlich! So hieß er!” Alice, die die enttäuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin und gedankenlos gelesen und auch jetzt so vorplapperte, erinnerte sich nun des rechten Namens und gleichzeitig einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer nicht recht herausbekommen hatte. „Hast du nicht dort früher verkehrt, Männi?” setzte sie harmlos hinzu.

Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie ihn lange nicht gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit gründlich und dauernd abgeschlossen. Aber diese Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte oder nicht, Erinnerungen herauf.

„Gott, Räuberhauptmann, du machst ja ein gräßlich düsteres Gesicht. Was ist denn los?”