„Schließlich handelt es sich ja auch um eine ernste Sache”, meinte er zerstreut.

„Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?”

Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn und sann darüber, was aus seiner „Bande” werden mochte.

„Du, das mußt du mir mal erzählen,” fuhr Alice unbekümmert fort. „Ich weiß nämlich genau, wie es stand. Von Markwaldt. Du mußt einer von den Töchtern mächtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der Sprache!” Sie rückte zutunlich näher, wie um eine amüsante Geschichte zu hören. Beglückt, nun endlich den rechten Faden gefunden zu haben, den ihre Neugier immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem übermütig flackernden Blick in die Augen.

Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem war ihm die Art, wie sie ihn dazu drängen wollte, peinlich.

„Weißt du was?” sagte sie lebhaft. „Wir schließen einen richtigen Handel! Du erzählst mir dein Abenteuer mit den Richthoffs. Ich erzähle dir dafür, wie ich mich um ein Haar mit Hammann verlobt hätte, willst du?” Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd seinen dichten, schwarzen Bart.

Er ließ es eine Weile geschehen. Dann löste er sich aus ihrer Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er nur mit halbem Ohr gehört. Er war erfüllt, bedrückt von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs in ihm lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine solche Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem Druck zu befreien, war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens jetzt nicht, wo er seiner Stimmung entgegenkam. Und dann erwachte die Lust in ihm, diese dämonische Lust, mit der er sich zu Alices Lebensgefährten gemacht und sich von einer erträumten Höhe heruntergeholt hatte: er wollte versuchen, die alberne Bürde vergangenen Schwersinns mit einem Ruck vollends abzuwerfen.

So gab er nach. Mehr sich als ihr.

In einem von Sarkasmus und verschämtem Ernst gemischten Ton begann er seine idealistische Epoche zu schildern. Aber es gelang ihm nur im Anfang, gegenüber den Menschen und Dingen von einst die leidenschaftslose Überlegung festzuhalten. In dem Maße, als er sich dem Mittelpunkt seiner Erinnerungen näherte, fühlte er, daß er seine Kraft überschätzt hatte. Er wurde warm. Eine schwermütige Verbissenheit zerhackte seine Sätze. Das Gedächtnis Margas sträubte sich gegen jede Entweihung. Er konnte über dieses Mädchen und diese Liebe nicht mit dem Achselzucken der großen Welt hinwegkommen, das er seiner Umgebung für so manches andere abgelernt hatte. Warum hatte er sich verführen lassen, den Schleier von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er nicht abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht Einhalt gebieten. Als müßte er sich für die Taktlosigkeit seiner Enthüllungen bestrafen, suchte er mit nervös hervorgeschleuderten Worten und Sätzen ein gerechtes Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen Mittelmäßigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte. Es war eine Sisyphusarbeit, der er erliegen mußte. Er hatte sich verrannt und fand keinen Ausweg, bis ihn ein Blick auf Alice ernüchterte.

Sie saß zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah ihn mit verwunderten, belustigten Augen unentwegt an, wie er, gleich einem fremden, spaßigen Tier im Speisezimmer auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker wegstoßend, dort an einem der türkischen Kelims zerrend oder eine der Kristallkaraffen auf dem Büffet vom Platz rückend.