Das dauerte etwa eine Stunde.

Dann verließ er mit seinem Jungen die Villa. Nicht einen Tag länger konnte er unter diesem Dach bleiben. Die Lüge seiner Ehe, eines trugvollen, jahrelangen Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch äußerlich sein.

Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel einquartieren. Doch die Besonnenheit riet ihm von diesem zu auffallenden Schritt ab. Er erinnerte sich an sein Junggesellenquartier bei Fräulein Eschborn. Dorthin schleppte er seinen verstörten, heulenden Jungen. Dort fand er — da das Semester vorbei war und die Studenten fehlten — ein Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer und ein Schlafkabinett für ihn, eine Stube für Benno und das Kinderfräulein, das nachkommen sollte — war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger als einem halben Tag war der Auszug vollendet ...


Die Wochen des Kriegs begannen.

Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus allen Wunden blutete und der Kopf doch Meister bleiben mußte.

Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg wie eine Bombe. Mama Hupfeld legte sich, wie immer bei aufregenden Gewittern, sofort zu Bett. Exzellenz, von der Unschuld seiner Tochter überzeugt, schäumte. Er schrieb an Perthes, den Mann, den er „gemacht” hatte, einen Brief voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem aufgespeicherten Groll gegen das Geschöpf seiner Gutmütigkeit ohne jede klassische Bezähmung freien Lauf ließ. Er wollte seinen Schwiegersohn demütigen und zur Räson bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat stutzte. Er wurde vorsichtig, denn er witterte Skandal, und den mußte er um jeden Preis vermeiden. Noch hoffte er, daß die Rückkehr Alices, die stündlich bevorstand, eine andere Erklärung geben und das Beweismaterial ihres Mannes erschüttern würde. Alice kam. Sie war ein bißchen erstaunt. Ein bißchen bestürzt. Ein bißchen empört. Im Grund fand sie die erbrochene Schublade das beste, was ihr Mann nach Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was für Exzellenz das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre Beziehungen zu Hammann zu beschönigen. Sie leugnete nichts. Zerknirscht war sie auch nicht. Das Abenteuer mit Hammann war eine Laune gewesen, die sie, gelangweilt von ihrem Mann und von aller Regelmäßigkeit, früher oder später kosten mußte. Skrupel empfand sie dabei nicht. Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde durch das Neue, das es brachte, aufgewogen. Spaßhaft hätte sie es gefunden, wenn sich Perthes und Hammann um ihretwillen geschossen hätten. Darauf wartete sie auch. Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was sie zur Schau trug, jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal sogar ihren Vater fast zu zorniger Verzweiflung brachte ...

Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann zur Verantwortung zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte sein Blut diese knallende Lösung. Aber dann übermannte ihn der Ekel. Sollte er sich für ein Chimäre schlagen? Die Ehre von Alice war längst nicht mehr die seine. Mochten Splitterrichter des Duellkomments, dem er für einen würdigeren Fall die Berechtigung nicht versagte, ihn verdammen. — Den Eklat eines Prozesses scheute er nicht. Doch dagegen kämpfte der Geheime Rat mit allen Mitteln. Sogar denen einer höflichen, bittenden Überredungskunst. Diese war es nicht, die bei Perthes verfing. Aber die ruhigere Erwägung sagte ihm, daß er selbst durch einen grellen Skandal mehr verlieren als gewinnen konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu opfern — dazu fühlte er sich nicht bemüßigt und, im Hinblick auf sein Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst dauerte das Hinüber und Herüber der feindlichen Lager. Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen Rechtsanwalts die Lösung, die beide Parteien — mit Einverständnis der sehr degoutierten Gräfin Hüningen, des kleinlauten Professor Hammann und der verstörten, so gar nicht nachtragenden Edith — annehmen konnten und mußten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland endgültig angenommen hatte, würde dorthin mit Benno übersiedeln. Alice sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz mit ihm zu teilen. Seine wiederholte Aufforderung, ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der gesetzlichen Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind ließ und vor der Öffentlichkeit den Skandal annähernd verschleierte.

Mit einer Komödie sollte symbolisch die Ehe von Max und Alice Perthes ihren Abschluß finden.