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Es war Oktober geworden.
Ein warmer, milder Herbst lag über dem Land. Sanft bräunten und röteten sich die Laubwälder an den Hängen und auf den Kämmen der Berge. Wehmütig hängte sich die dunkelgoldene Sonne an die erstarrende Erde. Sie spielte melancholisch mit den Wellen im Fluß, die unerwärmt unter ihrem liebkosenden Schein davonliefen. Es war wieder die große, stille Zeit des Abschiednehmens gekommen, in der so viel Reife und Tiefe der Stimmung liegt. Es ist im eisknirschenden Winter, im knospensprengenden Frühling, im kornknisternden Sommer nicht so viel Musik als im Herbst: aber es ist die Musik der Heimlichen und Reifen; die Musik derer, die vom Sterben die Kraft nehmen und die Lust zum Leben; es ist die Musik der großen Stille ...
Das luftige Giebelzimmer über der Stadt und dem Fluß, in dem Perthes als Junggeselle gewohnt hatte, war frei geworden. Trotz der Gegenvorstellungen von Fräulein Eschborn, die das Quartier für ihn nicht mehr standesgemäß finden mochte, war er in den letzten Wochen aus dem ersten Stock dort hinaufgezogen. In einer Zeit, wo alles um ihn wankte und niederbrach, empfand er das hartnäckige Bedürfnis, sich an diese Giebelstube von einst zu klammern. Er hatte dabei nicht erst seine Gefühle und Erinnerungen umständlich befragt: daß er nicht stimmungsselig da oben würde, dafür sorgten die Aufregungen dieser Zeit des Kampfes, des Abschlusses seiner klinischen und akademischen Pflichten, die zahlreichen Schreibereien und Abmachungen, die die Übersiedlung an einen neuen Ort der Tätigkeit, in andere Bedingungen des Lebens notwendig machten.
Erst in der zweiten Woche des Oktobers trat eine kurze Pause und unfreiwillige Ruhe für ihn ein. Er hatte sich auf der Klinik verabschiedet. Der Kampf um die Scheidung von Alice, so aufreibend und nervenzehrend, war abgeebbt. Seine neue Stellung war in allen Teilen gesichert. Nur die kleinen Geschäfte, die mechanisch und nichtssagend sind, Formalitäten verschiedener Art hielten seinen Fortzug noch um einige Tage auf. In der Entspannung, die jetzt unmerklich während dieser gezwungenen Mußezeit seinen Geist und sein Herz überkam, beschlich es ihn doch manchmal eigen in seinem Junggesellenzimmer, und wenn er sich über die Brüstung des Fensters lehnte, hörte auch er vom Fluß herauf, über die sonnenglänzenden Dächer weg, herunter von den tannenbescheitelten und laubwaldumkränzten Bergen die heimliche, tiefe Musik des Herbstes. Erst vernahm er nur ihre ersterbende Wehmut: allein, mit leerem Herzen, gebrochen, ärmer als er einst eingezogen, zog er jetzt durch dieselbe Tür wieder davon. Er wehrte den Erinnerungen, aber sie gaben ihn nicht frei: seine jungenhaft-törichte Schwärmerei für Hilde König; sein unfähig-gewaltsames Ringen nach der Höhe, wo Marga gestanden und sein schwacher, schuldvoller Absturz; seine tolle, trügerische Taumel- und Leidensgeschichte mit Alice — Erlebnisse dieser Jahre hatten leer- und totgefegt, was in ihm war. Aber dann hörte er heller, deutlicher. Hörte hinter die Töne der Wehmut: aus der traurigen Weise des Sterbens löste sich leise, aber fest eine andere. War er nicht doch reicher geworden bei all der Armut? Da war seine Liebe zur Wissenschaft, eine dauerhafte, echte Liebe, die nichts mit dem haltlosen Hin und Her früherer Neigungen gemein hatte. Da war sein Junge, Fleisch von seinem Fleisch, ein Ziel und eine Hoffnung, auch wenn er Blut von ihrem Blut hatte. Und da war er selbst, ein Mann, ein Wollender, einer der sich kannte und beherrschte, der nicht sprang, sondern schritt — vielleicht doch empor — nicht mehr zu der Höhe, die Marga gehörte, aber doch zu einem, zu seinem Gipfel: zu der Persönlichkeit, die er werden konnte. Er hörte etwas, auch er, von der Musik der Heimlichen und Reifen, derer, die vom Sterben die Kraft nahmen und die Lust zum Leben ...
In solchem Lauschen war er eines Morgens versunken, als das Kinderfräulein mit Benno bei ihm eintrat. Sie hatte den Kleinen vor kaum einer halben Stunde in den Kindergarten gebracht. Fragend wandte sich Perthes nach den beiden um.
Der Junge machte ein verschlossenes, eigensinnig-finsteres Gesicht und zerrte sein Fräulein am Rock, als wollte er sie hindern, zu reden. Das junge Mädchen sah verlegen und unschlüssig aus, als traute es sich nicht zu sprechen und auch nicht zu schweigen.
Perthes, der seinem Jungen mehr Aufmerksamkeit schenken konnte als sonst, musterte ihn und das Fräulein.
„Was gibt's?” fragte er mit knapper Stimme. „Die Schule ist doch noch nicht zu Ende?”
„Nein, Herr Professor, aber —”