„Laß mal das Fräulein los! Setz dich artig auf einen Stuhl! — Nun, aber?”
„Die Damen sagten — Fräulein Richthoff sagte — er solle nicht wiederkommen!” stammelte das Mädchen ratlos.
„Was heißt das?” Perthes runzelte die Stirn. „Ich versteh' das nicht. Ist etwas vorgefallen? Reden Sie doch!” Er näherte sich dem Fräulein und warf gleichzeitig einen besorgten Blick auf den Kleinen, der zwischen Trotz und Tränen auf seinem Stuhl schwankte. Er hatte seinerzeit erst nachträglich von Alice erfahren, daß sie den Jungen in den Richthoffschen Kindergarten gebracht. Es war ihm peinlich gewesen, aber er hatte es nicht mehr ändern können. Wenn Benno von dort erzählte, beschränkte er sich meist auf das Zuhören und lenkte ihn bald ab. Auch das jetzige Thema kam ihm ungelegen, und er hätte es gern so schnell wie möglich abgetan.
Das Kinderfräulein rückte schüchtern mit vielen Wenn und Aber heraus. Benno wäre gestern unartig gewesen; er hätte die Damen erzürnt; die Jüngere hätte heute entschieden erklärt, er dürfe nicht mehr kommen.
Perthes horchte betreten auf.
Er schickte das Fräulein aus dem Zimmer. Dann nahm er seinen Jungen vor. Eine harte Arbeit. Der kleine, schwarzköpfige Wicht mit seinen brennenden Augen war verstockt. Aus dem dunklen Blick leuchtete die Heftigkeit des Vaters, und um den kindlichen, tiefroten Mund spielte etwas von Alices launischer Selbstwilligkeit. Erst gab es ein verlegen-hartnäckiges Schweigen. Dann ein lautes, zorniges Geheul. Endlich ein aufgelöstes, schluchzendes Gestammel, dem Perthes nur allmählich Sinn abgewinnen konnte. Zwei Namen wechselten in der jammervollen Beichte am deutlichsten ab. Tante Elli und Tante Marga. Der kleine Bursche wußte nicht, wie hart und unselig gerade diese beiden von ihm endlos wiederholten Namen in die Ohren seines Vaters klangen. Und was nachkam, traf Perthes noch schlimmer. Aus all dem Gestammel und Geschrei wickelte sich heraus, daß er, offenbar in einem Anfall von Jähzorn, die eine Tante geschlagen hatte — Marga. „Ein ganz klein wenig nur,” wie er mit erneutem Aufschluchzen versicherte. Er erwartete offenbar von diesem Schluß- und Hauptstück seines Geständnisses das äußerste, denn er duckte sich in sich zusammen und würgte noch zweimal „ein ganz klein wenig nur” hervor. Aber er mußte mit Staunen die Wahrnehmung machen, daß sein Vater ganz still und stumm blieb. Er sah schüchtern zu ihm hin. Aus Perthes' Gesicht war alles Blut gewichen. Eine erschreckende Verzweiflung und Traurigkeit, wie sie der Missetäter im Matrosenkittelchen noch nie an einem Menschen gesehen, malte sich in seinem Antlitz. Bewegungslos, mit herabhängenden Armen und geschlossenen Augen saß er vor dem Kleinen, und dem wurde dies Starren und Schweigen unheimlich, viel unheimlicher als das heftigste Schelten. Er brach von neuem in Tränen aus.
Perthes stand auf.
Er rief das Kinderfräulein und ließ den Jungen, ohne ein Wort an ihn zu richten, in die andere Stube führen.
Als er allein war, setzte er sich vor seinen Schreibtisch. Er nahm seinen Kopf zwischen seine beiden Hände und preßte ihn, als wollte er ihn zerdrücken ...
Das Schwerste und Trübste, was in seiner Seele geschlummert, woran er auch in seinen wehmütigsten Abschiedsgedanken nur aus ängstlicher Ferne vorbeigestreift war, wie an einem kranken, schmerzhaften Glied — das hatte sein eigener Junge mit seiner kindlichen Untat grell und rücksichtslos aus ihm heraufgezerrt. Die kleine Hand, die sich da im Jähzorn erhoben, was hatte sie im Grund anderes verübt, als was er, der Vater, vor einigen Jahren so viel brutaler, härter, grausamer getan: Marga geschlagen! — Wie das traf! Wie es schmerzte! Wie es von der verstecktesten Wunde seines Lebens, der größten, mitleidslos den Notverband riß und das Blut quellen und quellen ließ. Die Erinnerung an Marga, Stunde um Stunde fast des Vergangenen, umtoste ihn. Aus gespenstiger Weite, aus der Verbannung von Jahren war ihr Bild nahe gerückt, so nahe, daß es ihn mit seiner Deutlichkeit betäubte. Es war ihm wie gestern, daß er sie verloren, verlassen und preisgegeben hatte! An jener Wegscheide, zwischen Stift Nieburg und der Sägemühle im Tal, war er fehlgegangen. Weit und weiter in die Irre ...