Doch das war ja nur der Schrei seiner Seele, auf den er horchte. Ein Schwelgen in nutzloser Sehnsucht nach Verscherztem und Verlorenem. O — er hatte immer nur an sich gedacht! Was Marga gelitten, hatte er es je in seinem vollem Umfang ausgemessen? Hatte er seine Schuld — ja, einen Teil davon hatte er abgetragen! In sich selbst! Aber vor ihr und an ihr war er so schuldig wie damals. Er hatte ja gewartet, bis die Hand seines Jungen sich kindisch an ihr verging, als sollte sich das Wehetun vererben vom Vater auf den Sohn. Wie schmerzhaft er geschlagen, davon wußte der Kleine nichts. Dafür trug sein Vater die Verantwortung.
Ruhelos gefoltert, die Stunden vergessend, schritt Perthes in seinem Zimmer auf und nieder.
Genugtuung konnte er Marga keine geben. Für das, was geschehen war zwischen ihr und ihm, gab es keine Genugtuung. Konnte er trotzdem nichts, gar nichts tun?
Natürlich mußte er für den Jungen um Entschuldigung bitten. Er warf ein paar Zeilen aufs Papier. Am Nachmittag legte er sie beiseite und schrieb einen Brief, der mehr, der ein Bekenntnis seines ganzen Lebens wurde. Daraus machte er von neuem — jedes Pathos und jede Floskel verachtend — ein knappes Billet, das nichts besagte. So ging es nicht! Er zerriß alles, was er geschrieben. Wenn er etwas tun wollte, mußte es etwas anderes sein.
War er denn feig? Zu feig um das zu versuchen, was einfach anständig war?
Er, er selbst mußte gehen, er mußte seinen Jungen zu ihr führen.
Als ob er das nicht längst gewußt hätte?! Nicht immer wieder fortgeschoben und umgangen hätte?!
Vielleicht ließ sie ihn abweisen, vielleicht — doch das war es nicht, was ihn bestimmen durfte. Es gab nur diesen Weg. Keinen sonst. Den mußte er gehen. Als Mann von Ehre und Gewissen. —
Am nächsten Morgen war er mit sich fertig.
Mit seinem Kleinen hatte er nicht wieder gesprochen. Nicht einmal „Gute Nacht” hatte er ihm gesagt. Jetzt teilte er ihm in kurzen Worten mit, was geschehen sollte. Sie beide würden um elf, ehe die Schule zu Ende war, zu Tante Marga gehen. Und Benno würde vor den Kindern sie laut und deutlich um Verzeihung bitten. Jedes Sträuben war ausgeschlossen.