Perthes dünkten die Minuten Ewigkeiten zu werden. Er ließ den Kleinen los und lehnte sich gegen das Kreuz des nächsten Fensters.
Er hörte im Flur Schritte, die sich näherten. Auf seine Sinne legte es sich wie Nebel. Die Dinge rückten vor seinen Augen in eine dunstige Ferne. Das Kind trat mechanisch von einem Fuß auf den andern. Weit ab sah er jetzt eine Tür sich öffnen. Er erkannte eine Gestalt, nur in Umrissen, während eine zweite sich abseits, an einem Schrank zu schaffen machte. Die erste, die stillstand, mußte Marga sein. Er löste sich von dem Fensterkreuz und trat einige Schritte vor. Seine Stimme klang ihm fremd wie die eines anderen.
„Sie wissen schon, weshalb wir hier sind. Ich danke Ihnen, daß Sie uns hören wollen. Eigentlich wollte ich, daß der Junge vor seinen Kameraden ihnen Abbitte tun sollte. Er hat sich abscheulich vergangen!” Perthes stockte. Die stoßweise vorgebrachten Sätze preßten seinen Atem. „Benno, tu wie ich dich geheißen!” Er tappte neben sich nach der Schulter des Kleinen und schob ihn vorwärts. „Geh, und bitte Fräulein Richthoff um Verzeihung!”
Der Junge setzte sich zögernd in Gang.
Marga stand blaß und ernst bei der Tür. Sie mußte hinter sich, am Türrahmen, Halt suchen. Ihr Kopf hatte sich auf die Brust geneigt, ihre Augen sich geschlossen. Sie wollte dem Kleinen entgegengehen, um die peinliche Szene so schnell wie möglich zu beendigen. Aber sie konnte nicht.
Der Junge blieb auf halbem Weg wie angewurzelt stehen. Trotz und Angst ließen ihn schwanken.
„Benno!” mahnte Perthes mit Anstrengung.
Das Kind rührte sich nicht. Die Hände auf dem Rücken verschlungen haltend, wich es nicht von der Stelle.
Perthes griff sich an den Kopf. Dann ging er mit schleppenden Schritten, ohne den Boden unter sich zu fühlen, vorwärts, dorthin, wo die in Nebel verlorene Gestalt stand.
„Also werde ich für dich um Verzeihung bitten!” Er nahm alle Energie zusammen. „Der Junge ist verwildert. Seine Mutter — kurz er hat keine Mutter mehr. Und ich kann mich zu wenig um ihn kümmern. Ich bitte Sie, ihm zu verzeihen!”