Perthes stand jetzt kaum zwei Schritte von Marga entfernt. Er wollte sagen, daß das Kind selbstverständlich nicht mehr in die Richthoffsche Schule kommen dürfe; er wollte in einer kurzen, verbindlichen Form all das vorbringen, was er sich zurecht gelegt. Aber die Worte blieben ihm aus. Er hatte seine Kraft überschätzt und konnte nicht weiter. Er stand so steif und unbeweglich wie sein Kind.

„Ich verzeihe ihm gern,” kam es leise von Margas Lippen. Die ganze, weiche Fülle ihres Wesens klang zitternd mit. Es war der alte, warme, stille, einfache Ton, der über Jahre hinweg an Perthes Ohr drang. Der Dunst vor seinen Augen zerstob. Er sah sie. Nahe wie sie ihm war. Die blauen, tastenden Augen, das erblaßte, schlichte Gesicht mit seinen sanften, weichen Zügen unter dem fahlen, gescheitelten Haar.

Und mit einem Mal schüttelte es seinen großen, starken Körper wie ein Sturm. Seine Hände öffneten und schlossen sich wie im Krampf. Er schwankte zur Seite, ergriff eine der kleinen Kinderbänke, die da standen und ließ sich mit einem dumpfen Laut niederfallen.

Der Junge, von Angst und Schreck erfaßt, lief strauchelnd auf Marga zu: „Verzeihen! Verzeihen!” würgte er unter einer Flut von Tränen hervor, während er sich an sie drängte, die Hände emporstreckend, Schutz und Hilfe suchend vor einem Unbegreiflichen, das um ihn vorging, und das sein Herz und sein Verstand nicht faßten.

Marga beugte sich über ihn und streichelte das dichte, zottige Haar.

Elli war an ihrer Seite und hob ihn empor. Instinktiv trug sie ihn in das anstoßende Zimmer ...

Perthes und Marga blieben allein in der großen, fröhlichen Stube, die die gedämpfte Herbstsonne mehr und mehr in ihr sattes Mittagslicht tauchte.

Eine Weile war nichts hörbar als der schwere, keuchende Atem des Mannes, der mit verzweifelter, schamvoller Kraft gegen die Gefühle rang, die ihn überwältigen wollten. Und dann erlag er doch, dem unsagbaren und grausamen Leid seiner Seele. Das ganze Weh seines Lebens, die mit unnatürlicher Anspannung zurückgehaltenen Schmerzen der letzten Monate, Bitterkeit, Reue und Verzweiflung befreiten sich in jenem harten, dumpfen Schluchzen, das den Zusammenbruch des Mannes grausam, erschreckend und erschütternd macht, wie ein Ereignis der Natur ...

Leise, wie ein Schatten, löste sich Marga von der Wand, an der sie noch immer stand.

Sie ging nach dem Stuhl, auf dem sie sonst vor ihren Kindern saß; von dem aus sie vor den glänzenden Augen der andächtigen Kleinen ihre Märchen erzählte. Dort setzte sie sich und faltete die Hände im Schoß. Zuerst war es auch ihr, als müßte ihr zuckendes Herz in Tränen sich befreien. Aber dann senkte es sich über sie wie eine machtvolle, alle menschliche Klage versöhnende Feierlichkeit. Ihr inneres Gesicht verklärte sie: sie sah sich wie einst an einem Nachmittag, nach bangem Morgen, über einen Hang schreiten, über einen unabsehbaren Hang von blauen Glockenblumen. Sanft neigten sie sich im Sommerwind und begannen zu läuten mit ihren zarten, dünnen, verheißungsvollen Stimmchen. Je weiter sie schritt, um so lauter war das Geläut. Ein Jubeln, ein Jauchzen wurde daraus, in das ihre Seele einstimmte. Und wieder war da ein Fluß. Breiter, tiefer, strömender als der von einst. Über den mußte sie setzen. Sie wußte, daß er drüben stand, am Ufer. Daß er sie erwartete. Es mußte so sein. Und das Geläute mußte sie auf seinen Schwingen tragen, hinüber über das Vergangene, hinüber über das Gegenwärtige, bis sie an seiner Seite stand ...