„Ich ärgere mich!” gab er knurrend zurück, ohne in seinem Trommeln aufzuhören.
„Worüber?”
„Über Sie —”
„Über mich?”
„Und noch mehr über mich!”
„Und warum denn?”
„Weil — weil —” Er führte einen letzten grimmigen Hieb gegen den unschuldigen Boden. „Weil Sie verwünscht recht haben!” stieß er knirschend hervor.
Marga mußte unwillkürlich lächeln über das unerwartete, heftige Bekenntnis, das sich so widerwillig von ihm losrang.
Perthes bemerkte es nicht. Ihm war zumute, als wäre jählings etwas geborsten, ein Hemmnis, ein Stauwehr, das den Strom seiner Gedanken und Gefühle aufgehalten. Die offene, stillkräftige Art Margas lockte aus ihm hervor, was er nie einem anderen mitgeteilt hätte. Der Widerspruch seines Herzens, das bald in Sehnsucht nach vertiefter Empfindung, nach einer überlegenen Weltbetrachtung voll Gleichklang und Schönheit sich verzehrte, bald in Verachtung jeder seelischen Regung zur Oberfläche trieb, wo es nichts gab, als die nackte Wirklichkeit, und alles Unbegreifliche unterging in der tristen Biologie des Tiermenschen, wo nur der Genuß des Alltags Sinn und Berechtigung hatte — dieser Widerspruch tat sich in einer Flut von Selbstanklagen auf, die er rückhaltlos in die dunkle, friedvolle Nacht hinausschleuderte. Heute war er weich, mitfühlend, empfindsam und wehleidig wie ein Kind; morgen hart, schroff, roh wie ein zynischer Zweifler, der sich in Kraßheiten überbot. Sein unseliger Hang zum Extremen — war er nicht sogar jetzt lebendig, in dieser Beichte, die er ohne Grund vortrug? die so schamlos war wie die ganze Komödie, die er mit sich und aller Welt aufführte? Er war zur Halbheit, zur Maßlosigkeit, zum Unfrieden verdammt. Wertlos war der ganze Kerl. „Sie irren, Fräulein Marga — Sie irren, sage ich Ihnen! Der bessere Kern, den Sie da in mir vermuten, Gemüt oder Seele oder was es derart geben könnte, der ist bei mir nicht vorhanden! Schale, nichts als Schale — im Rechten und im Schlechten!”
Marga war längst ernst geworden. Sie erschrak über die so wilde, alle Schranken vergessende Entladung, die mit Unreife und Mißklang in ihre eben noch so köstliche Einsamkeit und Harmonie einbrach. Seine Bekenntniswut verletzte sie und tat ihr wohl in einem Atem. Nie hatte ein Mensch, nie zumal ein Mann ihr so sein Innerstes gezeigt. Sollte sie stolz auf dies Vertrauen sein? War sie nur der zufällige Anlaß, die zufällige Zeugin dieser selbstvernichtenden Offenheit? Durfte sie auf ihr Herz hören, das trösten und helfen wollte? Auf ihr Gefühl, das beinahe mütterlich in ihr aufwallte: Gib von deiner Klarheit seiner Unklarheit! Schenke von deiner Kraft! Schenke, schenke mit vollen Händen! — Lohnte es sich denn? Verlangte er überhaupt danach? Verschwende dich nicht! warnte es in ihr. Verschwende dich nicht!