Perthes war verstummt. Er warf sich herum und starrte, von ihr abgewandt, hinaus in die Ebene, aus der schüchtern der Fluß im Licht des gestirnten Himmels aufleuchtete.
Marga fand noch immer kein Wort.
Jenes Schweigen herrschte zwischen beiden, das zwei Menschen beschleicht, wenn der eine sich schrankenlos ausgegeben hat und der andere noch nicht weiß, was er dagegen geben soll. Ein Schweigen, das zum Anfang oder Ende des Verstehens wird.
Marga zitterte in ihrer Unschlüssigkeit.
Wenn sie ihn jetzt hätte sehen können! Einmal ihm ins Gesicht schauen, daß dies Gesicht ihr rate, was sie tun oder lassen müsse! Sie strengte alle Kräfte ihrer Seele an, um den Mangel ihrer Sinne zu ersetzen. Wie durch einen geheimen Rapport fühlte sie, daß er sich innerlich langsam von ihr entfernte. Er räusperte sich; er begann sich über seine Preisgabe zu schämen, zu erzürnen. Ihr Zaudern wich. Sie durfte nicht in seiner Schuld bleiben. Eben war er im Begriff aufzuspringen und sie zum Abstieg aufzufordern, als sie die Sprache fand. „Ich glaube doch an den Kern, den Sie sich absprechen, Doktor Perthes,” sagte sie mit leiser Bestimmtheit.
„Doch? Immer noch?” erwiderte er nach einer Weile ausdruckslos. „Da sind Sie eine beneidenswerte Optimistin.” Der spöttische Ton, den er annehmen wollte, verlor sich in einer bitteren Niedergeschlagenheit.
„All das Leidenschaftliche,” fuhr sie uneingeschüchtert fort, „was Sie vorhin sagten, sagten Sie ja nur deshalb, und deshalb nur so leidenschaftlich, weil Sie selber gern an einen solchen Kern glauben möchten und es nicht immer können.”
Perthes erwiderte nichts. Er hatte das bärtige Kinn auf die Faust gestützt und sah Marga an. Ihre sanfte, klare Stimme wirkte auf ihn wie eine Kinderweise, die sich beruhigend ins Ohr schmeichelt. Sein Verstand sträubte sich gegen die einfache Wahrheit ihrer Worte; das Herz sog sie dankbar in sich.
„Ich kann natürlich nicht wissenschaftlich mit Ihnen streiten,” hub Marga nach einer gedankenvollen Pause noch sicherer wieder an. „Ich habe in allen Dingen nur die Gewißheit meines Gefühls, und die sagt mir, daß es gar nicht zuerst auf die Meinungen ankommt, die man sich von der Welt und dem Leben und den Menschen so im allgemeinen macht, sondern auf das, was man aus sich selbst macht.”
„Meinen Sie? Aber wenn man bald so ist, bald so? Wenn man nach zwei Seiten gezerrt wird? Wenn man, um recht trivial, aber anschaulich zu reden, die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?”