Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf einen Sprung vorbei, und meist traf er Marga, die an den Ausgängen und Besuchen der Schwestern in der Stadt selten teilnahm, an ihrem Steintisch im Vorgarten, handarbeitend oder lesend.

Gleich bei einem der ersten Male fügte es der Zufall, daß der Geheimrat, von einer Fakultätssitzung heimkehrend, die beiden beisammen fand. Perthes hatte Marga ein paar Sätze diktiert, die sie punktierte, und sie waren eben bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten den alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand.

Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor schoß er bedrohliche Blicke.

„Was wird denn da getrieben?” Richthoff stützte sich mit der einen Hand auf den Krückstock, mit der andern hatte er sich in den weißen Bart gefaßt.

„Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr Geheimrat!” Perthes erhob sich grüßend; sein Auge begegnete ruhig dem scharfen Blick des alten Herrn.

„Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor Perthes ein wenig meine Kenntnisse auffrischen helfen,” setzte Marga aufrichtig hinzu.

„Hm!” brummte Papa Richthoff unentschieden. Er überlegte, daß von Rechts wegen ein junger Mann und ein junges Mädchen sich keinen Unterricht tete-a-tete zu geben hätten. Aber schon im nächsten Moment sagte er sich auch, daß er Marga, die so viel entbehren müsse, nicht um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose Zerstreuung bringen dürfe. „Sie hat wohl glücklich alles wieder verschwitzt, was sie konnte?” wandte er sich, dem Tisch näher tretend, an Perthes.

„O — es geht noch ganz leidlich!” meinte der Doktor.

Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen Punkten, die nach Zahl und Stellung dem Getast ihren Buchstabensinn vermitteln. Es entwickelte sich eine Unterhaltung über die Schrift, über Blindenbibliotheken und ihren Bücherschatz. Perthes, der, was er wußte, recht wußte, gab allerhand Auskünfte, die den Geheimrat interessierten.

Das Ende war, daß Vater Richthoff Marga huldvoll am Ohr zupfte. „Das bitte ich mir aber aus, daß in vierzehn Tagen der Prolog zum Faust fließend gelesen und geschrieben werden kann, hörst du!” Mit einem jovialen Kopfschütteln verabschiedete er sich und verschwand im Haus.