Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft ungestört pflegen. Elli und Käthe neckten wohl manchmal die Schwester; aber da sie selber Perthes nicht ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige Eroberung nichts einzuwenden. Man gewöhnte sich daran, den Doktor als Freund des Hauses das eine oder andere Mal am Wenzelsberg zu begrüßen.

Über tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes. Über Großes und Kleines mit derselben Wichtigkeit der Jugend. Er brachte ein buntes Allerlei von Eindrücken mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der Natur, bei seinen Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten aus einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig und dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Büchern, durch sich selbst wußte, bekam Fülle und Zusammenhang. Sein vielseitiges Wissen nährte das ihre. Daß sie nichts Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafür sorgte ihre durch die Blindheit geschärfte Spürkraft, ihr klarer, gesunder Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte. Die Ruhe und innere Freiheit, die durch frühes Entsagen, durch Einsamkeit und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe ihrer Freundschaft. Sie erkannte seine Natur, die ein Ganzes und Einfaches werden wollte und doch immer wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte, sich selber komplizierte und zerriß. Perthes seinerseits fühlte die Überlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit ihrer Seele lag. Aber sein Verstand sträubte sich mit zahllosen Gründen dagegen, diesem Gefühl nachzugeben. Daß sie, zehn Jahre jünger als er, ein Weib, eine Blinde, ihm durch ihre größere Ruhe Achtung abnötigen sollte, konnte ihm oft plötzlich lächerlich erscheinen, ihn empören, seinen verbissensten Widerstand erwecken. Dann riß er irgendeine schwierige Frage herbei, eine von den großen Fragen über den Wert des Daseins, und zersetzte alle „Schwindsüchteleien”, wie er es nannte, unter vollem Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je lauter er wurde, um so stiller wurde sie; je mehr er sich erhitzte, um so gelassener hörte sie ihm zu.

So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer jungen Freundschaft, daß es nichts Vernünftiges gebe, als das tierische Werden und Vergehen; alle vermeintlich „höheren” Gedanken seien nichts als ebensoviele Illusionen, um über diese nüchterne Wahrheit zu täuschen. „Damit wir hübsch im Tretrad bleiben und nicht etwa herausspringen, weil uns die Sache zu albern wird!”

Marga hörte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte, bemerkte er ein leichtes, heiteres Lächeln in ihren Zügen.

„Sie — Sie wissen das natürlich viel besser!” rief er empört.

„O, gar nicht! Wissen werden Sie es schon besser. Aber ich fühle es anders.”

„Fühlen! Fühlen! Mit Ihrem ewigen Fühlen! Das Gefühl ist gar nichts. Jeder Hund und jede Katze sind uns darin ebenbürtig. Gefühle sind für Kinder, sind Verschwommenheiten, Torheiten, Halbheiten, die Gedanken werden möchten und nicht können! Wollen Sie das nicht endlich einsehen?”

„Nein. Ich will es eben nicht einsehen,” meinte Marga ruhig. „Es gibt Gefühle, die weniger sind als Gedanken, und es gibt Gefühle, die mehr sind —”

„Und mit welchem Recht?”

„Mit meinem Recht. Ich will, daß das Leben den Sinn hat, dessen Wahrheit ich fühle — ob Sie sie beweisen können oder nicht.”