Perthes schüttelte den Kopf. Sein widerspenstiger Verstand war nicht überzeugt. Trotzdem beugte sich eben das Gefühl, das er so gering bewertete, vor dem ihrigen. Es war töricht, aber es war so. Und blieb so, ein Waffenstillstand bis zum nächsten Gefecht. —

Ein Thema gab es, das sie im Gespräch nie berührten: Hilde König.

Aus Äußerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch, der in einer kleinen Stadt auch nur entfernt bekannte Menschen mehr oder minder verbindet, wußte Marga, daß ihr Freund seine Verehrung für die kleine Uferschöne mit den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz und gar nicht aufgegeben hatte. Man sah ihn häufiger denn je die Uferstraße entlang pilgern, sei es allein, um sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr zusammen, wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war und sie heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er auf. Man sah ihn nicht selten im „Heiratskarussell”, das ihm anfangs so lächerlich vorgekommen war, an Hilde Königs Seite.

Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder auf diese Angelegenheit zurückzukommen, aber je vertrauter sie und Perthes miteinander verkehrten, desto schwerer wurde ihr diese Zurückhaltung. Sie kannte ihn jetzt genügend, um zu erraten, daß der augenfällige, liebliche Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen Ernst und Kindlichkeit balancierte, seinen empfänglichen Sinn anziehen mußte. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei. Vielleicht aber — und das machte ihr sein leidenschaftliches Wesen wahrscheinlicher — verfing er sich ernsthaft in diesem Spiel. So oder so: sie, Marga, durfte sich nicht einmischen. Zartgefühl und Stolz geboten ihr dies als ein Selbstverständliches. So oft ihre Gedanken und Gefühle über die ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie schroff zurück. Freilich nicht, ohne daß sie einen leisen Schmerz dabei empfand. Er kam von der Unklarheit, die zwischen ihnen beiden über dies eine bestehen bleiben mußte; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefühl, das in ihr keimte, ohne daß sie es noch fassen und zur Rechenschaft ziehen konnte. —

Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie über ihn und sich aufklären.

Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder in der Abendstunde am Ufer spazieren führen zu lassen. Bis der Zufall es wollte, daß der Geheimrat eines Abends Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes Buch auszubitten, zu Professor Borngräber schickte, der in einem verwachsenen, kleinen Häuschen in der äußersten Uferstraße sein Junggesellenleben führte. Marga hatte ihre Schwester schon ein großes Stück Wegs begleitet, ehe diese mit dem Ziel ihres Ganges herausrückte. Als sie nun Einwände erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren Kobolden über sie her. Es blieb Marga nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Es war ein trüber, bedeckter Abend. Der Regen hatte kaum erst aufgehört. In der Allee am Fluß war es einsam. Die Sonne lag hinter dem grauen Gewölk, und der Fluß wälzte sich träg und schmutzig zwischen seinen Ufern hin.

Elli und Marga beeilten sich, Borngräbers Haus zu erreichen, und entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der Himmel sah nach neuen Regengüssen aus, denen sie lieber entgehen wollten. Aber sie hatten die Allee noch nicht zur Hälfte hinter sich, als die Tropfen niederklatschten. Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm.

Kurz vor dem Aufgang zur Brücke, am Ende der Allee, kam ihnen ein Paar entgegen, das sich gleichfalls in einen Schirm teilte.

Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden schon erkannt. „Perthes mit Hilde König!” flüsterte sie hastig Marga zu.