Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock hinaufsteigen.

Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange nicht gespielt. Sie war keine Künstlerin. Ihr Spiel war technisch nicht weit über das hinausgekommen, was sie, noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung gelernt hatte. Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade durch die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck.

Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute nach ihrem Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast war es: sie wollte ihr übervolles Gemüt in Tönen erlösen und hatte doch zugleich eine Scheu vor dem Unbekannten, das die Töne ihr aus der Seele locken wollten.

Ihr blonder, blasser Kopf war tief über die Saiten gebeugt, und die Hand führte zagend den Bogen. Die Augen hatte sie geschlossen, den Mund zusammengepreßt. Rauhe, gebrochene Klänge holte sie aus der Tiefe herauf. Sie verbanden sich zu einer ungefügen, schluchzenden Weise, gegen die sich nur langsam aus der Höhe die Töne eines weichen, unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus der Tiefe war es der Schmerz ihres Lebens, das so tapfer niedergehaltene Weh, jung zu sein und entsagen zu müssen; aus der Höhe war es die Sehnsucht, die laut und lauter mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfüllung rief. Und je lauter dieser Ruf ward, je ungestümer er sich vordrängte und die Entsagung überbot, um so mehr erbebte und erschrak Margas Seele. Das Unbekannte, das sie gefürchtet hatte — da war es! Da brach es hervor, nicht mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu verkennen und zu mißdeuten: sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und entsetzt zugleich, wogte es über die Saiten. Einen Augenblick verlor sie sich dabei. Ein zartes, fast heiteres Entzücken wollte sich regen. Dann riß sie mit einem grellen Strich über alle Saiten ihr Spiel ab. Sie ließ die Geige hart auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben. Sie drückte sich in die Ecke des Sofas: das Gesicht mit den Händen verdeckend, duckte sie sich und zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber verbergen.

Nach einer Weile warf sie die Hände hinter sich und spannte sie um die Lehne des Sofas. Als sähe sie die Gewißheit ihrer Empfindung außer sich, richtete sie mit allem Mut, den sie in sich fand, die Augen voll und fest auf einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren Max Perthes' Züge, die sie nie gesehen, die sie nur aus flüchtiger Beschreibung kannte, und die doch ihr inneres Gesicht so bestimmt gestaltete. Sie schaute und schaute. Die Augen gingen ihr über vor dem offenen, klaren Ja, das da außer ihr stand. Aber sie ließ nicht nach und rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mußte das Nein in ihr werden. Sie klammerte sich an ihren Stolz. Perthes liebte sie nicht. Er fühlte sich von einem Mädchen gefesselt, das in allen Stücken ihr Gegenbild war; für das er sie verleugnete. Und sie sollte ihre heiligsten Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes wegwerfen, nachwerfen? Niemals! Und hätte ihr Stolz es ihr erlaubt, so hätte die Vernunft es verboten. Für sie gab es keine Liebe. Sie, die Blinde, durfte von keinem Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten, das Opfer seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht die Sehnsucht. Wollte sie sich lächerlich und verächtlich machen? Wollte sie gewissenlos sein?

Marga preßte ihre Hände ineinander und rang sie in ihrem Schoß.

Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer Liebe. Es war, als müßte sie es erwürgen, und weil es ein Lebendiges war, sträubte es sich gegen den Tod und klagte und schrie, und ihre Hände taten ihrem Herzen weh, über alles Sagen und Denken weh.

Unaufhaltsam, wider ihren Willen, löste sich Träne auf Träne aus ihren Augen.

Dann war es mit einem Mal vorbei.

Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe für sie, und es gab keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es nicht einmal mehr Freundschaft zwischen ihr und ihm. Nachdem er sich so benommen wie heute am Abend.