Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kümmerte.
Seltsam!
Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er überlegte. In den letzten Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht. Wenn sie einmal vor ihm auftauchte, drängte er sie in dem Mißbehagen über die unerfreuliche letzte Begegnung beiseite. Vollends in den Tagen seines unsinnigen Umhertreibens war sie für ihn wie ausgelöscht gewesen.
Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach und gerade waren, ein eigentümlich beruhigendes, warmes Gefühl auf ihn über. Er verglich diese Zeilen im Geist mit dem nichtssagenden Billett von Hilde König, das seine Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor ihm auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren Sonne verklärte Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen, ihre sanfte Bestimmtheit in Wort und Ton. Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem anspruchslosen zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt zu sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem Stückchen Papier, den paar Punkten und den paar Buchstaben des Namenszuges ihre Leitung gefunden, wirkte ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die große, reife Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum hatte er sie nicht früher so klar erkannt wie jetzt? Warum hatte er ihr nicht fester vertraut? Warum hatte er sich so schnell abkühlen lassen und war nicht zu ihr gegangen, statt sich närrisch und kindisch auszutoben? „Ihre Freundin ist in Sorge um Sie” — das waren die Worte, die er sich wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm helfen; sie hatte nicht wissen können, wie schwach er war, als sie ihn auf sich selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen hatte sie ihm geholfen! Ein Hauch des Friedens, nach dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war nicht ganz allein. Der Druck der Einsamkeit wich, und dafür wuchs eine leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch das Bewußtsein, Marga unrecht getan, sie verkannt, sie noch nie in ihrem vollen Wert geschätzt zu haben, zu einer Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er mußte ihr etwas Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung, seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war, mußte er es gleich tun, gleich — es duldete keinen Aufschub! Er hatte sie lange genug vernachlässigt!
Eine Minute später stürmte Perthes die Treppe hinunter, die er am Morgen erschöpft heraufgekrochen war. Im Hausflur hätte er um ein Haar Fräulein Eschborn umgestoßen, die ihren Augen nicht traute, als der Doktor mit freundlichem Kopfnicken, vergnügt und tadellos gekleidet, an ihr vorbeischoß. Kein Zweifel — der Mieter von Nummer eins gehörte einer Spezies zu, die ihr doch noch nicht vorgekommen war.
Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nächsten besten Blumengärtner in den Laden. Er wollte Rosen haben. Rote? Nein. Rote paßten nicht. Weiße? Die hatten etwas Trauriges. Rote und Weiße, so ungefähr einen Armvoll.
Mit dieser Bürde eilte er nach der Straße am Wenzelsberg.
Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb nicht, daß unterschiedliche Spaziergänger, die ihm begegneten, über sein blindes Rennen und über seinen Arm voll Rosen die Köpfe schüttelten. Er sah auch Alice Hupfeld nicht, die, vom Sportplatz zurückkehrend, wo man der Nässe wegen doch nicht hatte spielen können, mit Markwaldt an einer Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick eine vieldeutige Grimasse schnitt. Erst in der Nähe des Richthoffschen Hauses verlangsamte er seinen Lauf.
Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel er sich entsinnen konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs Abendbrot gegessen wurde. Dann blickte er auf seine Rosen. Eigentlich — genau genommen — das, was er wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr entgegenkam? Wenn — und wenn ... Ein Wenn ums andere verzögerte seinen Schritt.
Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten, über der Mauer, hinter der geflochtenen Eisenbalustrade. Er ging auf die andere Seite der Straße. Da saß richtig jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie hatte sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte den Kiesboden leidlich getrocknet, und sie genoß die regenfrische Luft. Als er sie gewahrte, sank ihm erst recht der Mut. Die Scheu, nach dem, was er eben erst hinter sich hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt ihn unschlüssig zurück. Sollte er umkehren? Bis morgen warten?