Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend gewesen. Da pflegten sich der Geheimrat, Wilmanns, Borngräber und einige Freunde von verschiedenen Fakultäten gemütlich in einer bejahrten Schenke am Haspelgraben zu treffen und ihrer wissenschaftlichen Übersättigung im Kegelschieben Luft zu machen. Außerdem wurde auch das Neueste vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert und glossiert. Nur so nebenbei, aber mit vernichtendem Witz. Jede Fakultät hatte dafür ihren Spezialisten. Den Klatsch der philosophischen bearbeitete Papa Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller, ein Epikureer mit ehrwürdigem Faungesicht, sehr pikant zum besten. Der theologische troff süß und lieblich aus dem sanften Mund des Professors Hegewald, eines beliebten Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt; den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte Krausewetter, ein dicker, sehr cholerischer Herr, der alle Entdeckungen anderer schon lange vorher gemacht und nur, da sie ihm nebensächlich erschienen waren, verschwiegen hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit trockenem, sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nüchternen, bescheidenen Zurückhaltung der wandelnde Gegensatz seines Kollegen Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen Exzellenz, die, erhaben über das kegelnde Banausentum, ihre eigene, nicht minder einflußreiche Sphäre hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben. Dafür sorgten gutmütige Brummgeister wie Richthoff und naive Kindergemüter wie Jakobus Borngräber. Aber man verschonte auch niemand. Auch sich selber nicht.

Hier ereignete es sich nun, daß Vater Richthoff mitten im Spiel von einer Unpäßlichkeit befallen wurde. Professor Kreth, der liebenswürdige Direktor der Universitätsbibliothek, hatte gerade den klassischen Ausspruch eines norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken wären herrliche Institute, wenn nur das verdammte Publikum nicht wäre! Die Heiterkeit war allgemein. Richthoff trat als nächster Spieler an. Ehe er noch die Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel befallen, schwankte und mußte von den besorgten Freunden geführt und niedergesetzt werden.

Geismar sprang sofort bei.

Etwas Äther, ein Glas Kognak genügte, um den alten Herrn wieder zu ermuntern. Er schlug die Augen auf. Als er sich dann von lauter verdutzten Gesichtern umgeben sah, lächelte er. „Na, mein lieber Hegewald,” scherzte er dem Theologieprofessor zu, „mit der schönen Grabrede ist es diesmal noch nichts!”

„Ein Racheakt, Kollege Richthoff!” erklärte der gleich wieder spaßende Wilmanns. „Ein ganz infamer Racheakt Ihrer römischen Kaiser, sage ich Ihnen!”

„Ohne Zweifel,” meinte Geismar ernsthafter, während er Richthoff forschend beobachtete, „Sie müssen in den letzten Wochen des Guten zuviel getan haben.”

Borngräber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert aus dem krausbärtigen Gesicht sah, rezitierte tiefsinnig aus dem Arabischen: „Keine Krankheit ist schlimmer als Unverstand.”

„Ach was! Diese verwünschten Prätorianer werden mich noch lange nicht kleinkriegen. Noch weniger als der brave Nerva!” Vater Richthoff stand auf, reckte sich, zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe, zum Zeichen, daß er sich pudelwohl fühle, und kommandierte: „An die Gewehre!”

Mit voller Kraft schob er seine Kugel.

Der Zwischenfall war erledigt.