In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf Uhr, und ging nach einem letzten Schoppen und einer vorletzten Zigarre angeregt heimwärts.
Geismar, der in der Neustadt wohnte, schloß sich auf dem Nachhauseweg Richthoff an und begleitete ihn bis vors Haus. Um sich noch auszulüften, wie er vorgab. „Haben Sie schon öfter mal solche kleinen Klapse gehabt, Kollege?” forschte er beiläufig vor dem Abschied.
„Nicht daß ich wüßte!” erwiderte der alte Herr. „Hat ja wohl auch nichts Großes zu bedeuten?” warf er nach einer Weile im Ton der Frage hin.
„Glaube kaum,” meinte Geismar. „Aber für alle Fälle, lieber Richthoff, machen Sie mir mal morgen das Vergnügen und kommen Sie zu mir.”
„Womöglich gleich in die Klinik?” scherzte Richthoff abwehrend.
„Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fünf Uhr. Auf einen Sprung.”
Der alte Herr wollte nichts davon wissen.
Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher Bestimmtheit zu, daß er, der vorgerückten Stunde wegen, versprach, die Sache in wohlwollende Erwägung zu ziehen.
Der alte Herr dachte ursprünglich durchaus nicht daran, Geismars Einladung nachzukommen. Aber er schlief schlecht, und gegen Morgen stellten sich erneute Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft, bei seinen Jahren und angesichts der großen Arbeit, die noch vor ihm lag, möchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten. Er stellte sich also am Nachmittag bei Geismar ein. Was dieser schon bei dem gestrigen Anfall vermutet hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich vorgeschrittene Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff nichts, sondern empfahl ihm nur für die Zukunft ein bißchen Diät: weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen. Vor allem aber und sofort eine mehrwöchige Ausspannung. Womöglich mit einer leichten Kur in Kissingen. Später Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen natürlich!
Vater Richthoff gehörte zu den Naturen, die sich unangenehme Aufklärungen, wenn sie ihnen nicht gerade aufgezwungen werden, gern ersparen. Deshalb interessierte es ihn nicht weiter, auf was Geismar diagnostiziert hatte. Er gab sich damit zufrieden, daß er, wie alle älteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren dürfte. Der erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig. Er fühlte sich auch geistig etwas erfrischungsbedürftig, zumal da er die ersehnte Italienreise in diesem Frühjahr sich immer noch nicht vergönnt hatte. Trotzdem wetterte er über die Ratschläge seines ärztlichen Kollegen. Doch der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfällen des alten Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken und sie durch kluges Zureden in eine ganze zu verwandeln.