Der Erfolg blieb nicht aus.
Am Mittwoch früh, nachdem der Geheimrat die Sache noch einmal beschlafen, erfolgte der bekannte Frühstückserlaß: „Will am Montag mit Käthe für ein paar Wochen nach Kissingen. Später vielleicht Schweiz. Das Erforderliche vorbereiten!” —
Käthe war erfüllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil wurde. Der alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist allein zu machen. Es waren vorzugsweise Studienreisen gewesen, aber auch wenn er auf Erholung reiste, legte er nachdrücklichen Wert darauf, die „Weiberwirtschaft” los zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte er diesmal anders entschieden, und Käthe kam denn auch ihrer Aufgabe, „das Erforderliche vorzubereiten”, mit all dem peinlichen Eifer und der geschäftigen Wichtigkeit nach, die einen wesentlichen Zug ihres Charakters ausmachten.
Für Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte, war es gar nicht so leicht, diese schwesterliche, etwas herbe Überlegenheit zu ertragen. Marga, glücklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer Freundschaft mit Perthes, der wie in früheren Tagen ungezwungen im Hause aus und ein ging, fügte sich geduldig. Aber zwischen Elli und Käthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen und hochroten Köpfen.
Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, daß die beiden Jüngeren, die durch Margas Geheimnis noch besonders verbunden waren, sich um so enger zusammenschlossen. Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen Sommerpläne, denn etwas mußte ihnen Papa doch auch zugestehen! Wenn Käthe eine so „erwachsene” Reise mit ihm machen durfte, erst ins Bad und dann womöglich noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz leer ausgehen. Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre Sommerfrische haben. Sie mußte aber möglichst nahe sein, denn Haus und Garten mußten überwacht werden können. Und sie sollte so bescheiden und billig sein, als sie sich nur finden ließ. Das verstand sich von selbst.
Nach längeren parlamentarischen Verhandlungen wurde das von Marga und Elli ausgearbeitete und höchsten Orts vorgelegte Projekt genehmigt: die beiden sollten Mitte des Monats für einige Wochen in der „Sägemühle” Quartier nehmen. So hieß ein bekanntes kleines Gasthaus, eine Stunde flußaufwärts von der Stadt — „an Wald und Wasser lieblich gelegen”, wie es in den Prospekten hieß. Daß sie, vertrauensvoll sich selber überlassen, keine Dummheiten machen durften, das wollte Vater Richthoff sich ausgebeten haben! Dafür waren sie seine Töchter und alt genug, um zu wissen, was sie tun und lassen mußten. Im übrigen wurden für alle Fälle die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft betraut.
Bis Sonntag hatte Käthe mit Hilfe der Schwestern alle Vorbereitungen getroffen.
Die kleinen Zänkereien waren vergessen, die drei Mädchen befanden sich in einer friedfertigen, durch den Abschied und die lockenden Sommerpläne teils wehmütig, teils heiter erregten Stimmung: sie gingen Arm in Arm durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein warmer, sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken flutete vom Tal die grünen Berghänge hinauf. Nachmittags — die Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer des Geheimrats stand noch eine Riesenhandtasche, die jederzeit in ihren offenen Schlund wahllos die unglaublichsten Zettel und Broschüren von dringendster Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte — nachmittags gab es noch einen lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff mit seiner Anwesenheit auszeichnete. Er war so aufgekratzt wie selten, voll kindlicher Freude auf die bevorstehende Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher Munterkeit am Werfen und Treffen der bunten Holzkugeln, die er vor Jahren aus Italien mitgebracht hatte. Elli und Marga ließen sich von seiner Fröhlichkeit anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr oder minder aufs Geratewohl die Kugeln schleudern mußte, einen Treffer machte, gab es ein lautes Hallo des Beifalls.
Käthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wälzte in ihrem gründlichen Köpfchen, unter der dunkelbeschatteten, herrisch-aufrechten Stirn seit einigen Stunden eine Aufgabe, die sie auf den letzten Tag verschoben hatte, weil sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden hatte, sie auszuführen.
Sie mußte nämlich noch mit Marga reden. Aus einem ganz bestimmten Grund. Es galt, der Schwester gegenüber eine Pflicht zu erfüllen, die ihr auf dem Gewissen lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des Hauses. Sie fühlte sich für alles und jeden verantwortlich. Und für Marga noch im besonderen.