„Du darfst mir aber ja nicht böse sein, hörst du?” hob Käthe lebhafter wieder an. „Ich meine es nur gut mit dir, und wenn ich mich irgendwie täusche, so nimm's nicht übel. Es geschieht nur aus Liebe!”

„Aber was gibt's denn nur, Käthe?” fragte Marga mit zunehmendem Staunen. „So sprich doch geradezu! Was willst du mir sagen?”

„Weißt du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst, ist das nicht. Ich hab' mir's lange überlegt. Oftmals dacht' ich, ich wollte mich gar nicht hineinmischen. Aber schließlich sagte ich mir immer wieder: Ich bin die Ältere! Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als mir, ist so jung, manchmal so toll und unvernünftig. Sie meint es gewiß immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest raten kann dir doch das Kleinchen nicht!”

Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes, enges Gefühl beschlich sie. Diese Andeutungen drückten sie. Sie spürte, daß jemand die Tür zum Allerheiligsten ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte sich dagegen. Unwillkürlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen und steckte sie hinter ihren Rücken. „Was willst du mir denn raten?” fragte sie mit einem eigentümlich dunklen, schweren Ton.

„Du sollst nicht meinen, Marga, daß ich mich in dein Vertrauen eindrängen will,” versicherte Käthe.

Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der Zunge. Doch hielt sie die Worte zurück.

„Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte. Und ich erwarte ja auch gar nicht, daß du mir dankbar dafür bist. Das kannst du jetzt noch nicht. Später wirst du mir's einmal danken, das weiß ich!” Käthe hatte ganz ihre altkluge, mütterliche Würde gefunden, wie sie sie brauchte. Die anfänglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine gutgemeinte, aber etwas lehrhafte Nüchternheit über. „Warum so viel Umschweife machen? Du hast recht. Ich möchte einmal frei und ehrlich mit dir über deine Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub' mir, ich hab' viel darüber nachgedacht. Über die Freundschaft von Mann und Frau überhaupt. Du darfst mir schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben draußen so viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht, daß es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie immer nur ein Übergang. Und der, der zuerst hinübergeht zu etwas anderem — verstehst du mich, Margakind? — der kann sehr, sehr unglücklich werden, wenn der andere nicht nachfolgt. — Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir sagen!”

Käthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie tröstend an sich ziehen.

Marga erwiderte die Umarmung nicht.

Schlaff ließ sie ihre Hände niederhängen und bog ihren Kopf zurück, um sich Käthes Liebkosung zu entziehen. Das Herz war ihr wie zugefroren bei diesen besonnenen Worten, und die Kälte teilte sich ihrem Körper, ihrem Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras und von den Blumen. Der Wind fächelte mild von der Ebene nach den Bergen herüber, und die Grillen zirpten ringsum in der wachsenden Dämmerung.