Käthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen für ein Bekenntnis. Sie wurde noch beredter und eindringlicher. Vielleicht, ja gewiß wußte Marga selber nicht, was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich nicht täuschen lassen durch Perthes' Liebenswürdigkeit. Die Männer, und zumal solche Männer, die sie, Käthe, durch und durch kannte, dachten sich nichts bei einem temperamentvollen Wort, einem Handkuß, einem Strauß Rosen, den sie in einer Laune ihren Freundinnen in den Schoß legten. Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber zu schroff als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein Gefühl einreden, das nicht Wahrheit werden konnte. Käthe gab sich ganz nach; sie ließ sich fortreißen von jener liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen, und die nur untereinander fähig sind, jenem Gemisch von Güte, Neid, Hingebung, falscher Mütterlichkeit — der ganzen Weiblichkeit, wie sie natürlichste Natur ist — schön und häßlich in einem. Ihre Redeflut, die selbstgewiß und selbstgefällig in den weichen Sommerabend hinausfloß, endigte in einem Appell an Margas Charakter: sie war stark genug, um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes, die ihr nun einmal vorenthalten sein mußte? Sie hatte ja Kraft und Liebe genug in sich und um sich. „Glaub' mir, Margakind, und wenn du's heute nicht glauben kannst, glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er sagt ...”
Marga hörte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hörte überhaupt längst nicht mehr, was Käthe sprach. Sie fühlte nur, daß ein Unberufener nun doch mitleidslos sich eingedrängt hatte in das zarte Geheimnis ihres Herzens. Sie hätte aufschreien mögen: Hände weg von meiner Seele! — aber dann war es schon zu spät. Diese Hände tappten und tasteten, suchten und fanden, und legten sich grausam auf die Wunde, die sie ängstlich behütet, fürsorglich verbunden und verborgen hatte. Nun brach sie auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und gleichzeitig empörte es sich in ihr gegen die Entweihung. Wer war die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden? Woher nahm sie das Recht, ihr Vorschriften zu machen? Ihr, die längst all das in sich beraten und durchgekämpft? Die sich nichts, aber auch gar nichts von dem erlassen und geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast übermütiger Selbstzufriedenheit vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr geschah: sie verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung wurde übertäubt von dem einen leidenschaftlichen Wunsche: Fort! Nichts mehr hören! Nichts antworten! Laufen — weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein, allein mit sich, seinem Leid, seiner Bürde, seinem Geheimnis hoffnungsloser Liebe!
Mit einem jähen, heftigen Ruck, der Käthes Hände unsanft von ihr löste, war sie aufgestanden. „Ich danke dir, Käthe!” rang es sich fremd aus ihrem Mund. „Überlaß das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig geworden. Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom Leben erwarten und annehmen darf, was nicht!”
Verdutzt blickte Käthe an ihr empor. So hatte sie Marga, die Sanfte, Verträgliche, Geduldige, noch nicht sprechen hören. „Aber Marga, du —”
„Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit. Mehr kann ich dir nicht antworten.”
Käthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im Schatten der Dämmerung gegen den verblassenden Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend, die Lippen aufeinandergepreßt, die Augen streng und abweisend in die Ferne gerichtet, fühlte sie, die Ältere, die Erfahrenere und Sehende, sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit all ihrer Altklugheit — gegen die Blinde, die so sicher und stark auf ihren Weg hinaussah.
Nur einen Augenblick.
Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demütigung doppelt gekränkt, verkannt und erbittert.
Aber ehe sie dafür den rechten Ausdruck fand, hatte sich Marga am Geländer der Laube entlang getastet. Sie eilte die Steinstufen hinab und lief den Zickzackweg hinunter — ohne Hilfe, behend wie ein Sehender, sicher geleitet von jenem fast übernatürlichen Instinkt, den die Erregung noch schärfte.
Käthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war Marga verboten, allein die steile Gartensteige abwärts zu gehen.