Doch sie stieß ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf eigene Gefahr sich zurechtfinden!
Bei Käthe siegte die Erbitterung über die Besorgnis, die sie sonst nie für die Blinde außer acht ließ. Sie war zu tief verletzt. Warum hatte sie nicht geschwiegen? Hatte sie nicht vorausgewußt, daß sie keinen Dank ernten würde? Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem guten Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie würde ihre Hilfe nicht mehr aufdrängen. Gewiß nicht! Nie mehr! Über den Schläfen strich sie ihr Haar zurück und prüfte die schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden war und keine Strähne in dem glatten Scheitel oder am Knoten sich gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element. Maß und Ordnung. Mochten andere das Ungeordnete, Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur bei Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht brauchte, nicht litt ...
Mit dem zugleich gemessenen und tänzelnden Schritt, der sich nichts vergab und doch auch die Gleichgültigkeit gegen das, was vorgefallen war, zur Schau tragen mußte, machte sich Käthe auf den Weg und kam eine Viertelstunde nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus.
Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen.
Der Geheimrat wirtschaftete noch geräuschvoll in seinem Arbeitszimmer. Man hörte ihn oben deutlich ab und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm neue Unentbehrlichkeiten in sich auf.
Käthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurüstungen für den Reisetag durch. Dann machte sie gemeinsam mit der schläfrig schlurfenden Therese den üblichen Rundgang im Erdgeschoß, um den Verschluß von Läden und Türen zu beaufsichtigen.
Am anderen Morgen, in ziemlicher Frühe, nach einem hastigen Kaffee, erfolgte der Abschied.
Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitäten, besonders aber die Begleitung auf den Bahnhof, streng verbeten.
In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er küßte Marga und Elli barsch auf die Stirn.
„Seid hübsch artig, Mädels; verstanden? Adieu!” Damit eilte er fort, dem Wagen zu, der vor dem Haus wartete. Therese folgte keuchend mit der zu unheimlichen Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine halbe Bibliothek verschlungen haben mußte. Der Hauptkoffer war schon aufgeladen.