Käthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es nur einen Händedruck.

Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten die beiden Zurückbleibenden dem Wagen nach. Vater Richthoff salutierte. Käthe nickte noch einmal und winkte mit dem Taschentuch.

Die Fahrt ging um die Ecke nach dem Bahnhof. — —

Dort, wo der Fluß, dem Zug der Waldberge folgend, zum letztenmal eine mutwillige Schwenkung machte, um sich dann, des spielerischen Geschlängels überdrüssig, geradeaus und kräftig in die weite Ebene hinauszuwerfen, stand die „Sägemühle”. Dem Zweck, den ihr Name andeutete, diente sie längst nicht mehr. Seit vielen Jahren war sie nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus, rückwärts gegen den Buchenwald gelehnt, vor sich einen schattigen Wirtsgarten, den nur ein schmaler Weg von der Uferböschung und dem hurtigen Fluß trennte. Da die Sägemühle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt lag, war sie ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und schönen Sommernachmittagen wurde sie von Bürgern und Professoren, von Kaffeeschwestern und Studenten zu Fuß, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In der besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen Fremdenzimmer ihre Liebhaber; wer anspruchslos an Buchenwald und Wasser, an guter Verpflegung, an dem belebten Wechsel ländlicher Einsamkeit und städtischer Ausflüglerfröhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fühlen. Spaziergänge gab's in Hülle und Fülle: auf den Bergen durch die stundenweiten Laub- und Nadelforste; im Tal zwischen wogendem Getreide, oder den blumenüberwachsenen Uferpfad entlang nach kleinen Dörfern und alten Städtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten und sich im Fluß spiegelten.

So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen, in das sie vierzehn Tage nach Vater Richthoffs und Käthes Abreise übersiedeln sollten.

Stille, fröhliche Tage im Hause am Wenzelsberg gingen vorher.

Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit Käthe gelitten. Aber Elli mit ihrer frischen, glücklichen Wirbelwindnatur hatte ihr den Kopf und das Herz lachend reingefegt. Jeden Tag wußte sie etwas Neues vorzuschlagen, um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte zwar, nach der Mahnung des alten Herrn, keine „Dummheiten” machen. Aber — du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff! Immer gescheit und sittsam sein, war abscheulich langweilig. Daran war nicht zu denken. Man war tüchtig spazierengelaufen, hatte sich auf den Straßen umhergetrieben und die Menschen beobachtet, voran die Fremden, die um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und von jenseits des großen Teichs reichlich zuströmten. Dann mußte man baden, Besuche machen und empfangen, die Wohnung ein paarmal umräumen, mit Therese den Küchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Gärtner beim Pflücken der Stachelbeeren und Johannisbeeren helfen, unerlaubte Bücher lesen, im Vorgarten handarbeiten und die vorübergehenden Leute glossieren. Und Elli duldete nicht, daß sich Marga von irgend etwas ausschloß. Die Schwester einmal so recht „mitleben” zu lassen, sie, deren Geheimnis sie innig teilte, von Herzensgrund schadlos zu halten — das war Ellis „Prinzip” für diesen Sommer. Sie stand sonst mit den „Prinzipien” nicht auf dem besten Fuß. Das waren nach ihrer Ansicht Dinge für alte Tanten, Backfische, Philosophieprofessoren und Spießer jeder Art, die sich das Leben partout verekeln wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem Herzen wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es gewagt werden. Daß dabei Wilkens nicht zu kurz kommen durfte, verstand sich von selbst. Er guckte öfters mal ein, wie Perthes auch. Man traf sich zufällig auf einem Spaziergang. Zweimal sogar — doch das setzte einen harten Kampf mit Marga — abends bei der Musik im Stadtgarten. Das war so stilwidrig-unakademisch, daß man der Versuchung nicht widerstehen konnte. Bei allem hielt Elli peinlich darauf, daß Marga „ihrem” Doktor genau so gerecht wurde wie sie „ihrem” Erich. Die möglichste Gleichheit beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen. Wenn sich Marga auch sträubte — sie war nach der Auseinandersetzung mit Käthe mit doppelter Vorsicht darauf bedacht, ihr Verhältnis zu Perthes und damit ihr eigenes Gefühl in strengen Grenzen zu halten —, Elli wußte immer mit der hinreißenden Dialektik ihrer siebzehnjährigen Verliebtheit und Lebenslust jedes Bedenken fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum Ziel, so sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga so ohnmächtig wie gegen ihre losesitzenden Tränen. Es tat ihr im Grund der Seele zu wohl, einmal jung mit den Jungen sein zu dürfen.

Dann kam der Umzug nach der Sägemühle und dabei eine Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden Diskussionen bot.

Elli hatte Wilkens längst und beizeiten verständigt, daß und wohin man gehen würde. Marga dagegen bewahrte gegen Perthes Stillschweigen und verbot auch der Schwester, Andeutungen zu machen. Die wachsende Vertraulichkeit, in die sie sich durch die Gunst der Umstände und durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah, begann sie zu ängstigen. Sie war öfter und ungestörter mit Perthes zusammen als sonst. Er pflegte die Freundschaft mit einer Achtung und Zartheit, die sie beseligte. Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine ernstesten Gedanken so gut wie seine alltäglichen Beobachtungen, seine Stimmungen, die schweren wie die leichten, lud er vertrauensvoll bei ihr ab. Sie fühlte instinktiv, wie diese schöne Vertraulichkeit, so viel sie gab, doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre Gesinnung für ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben wollte, wie sie mußte, war eine längere Trennung das beste Mittel. Sie wollte weggehen, ohne daß er wußte, wohin, und ohne daß er den Tag ihres Aufbruchs kannte. Natürlich würde er sie leicht finden können. Es gab außer dem Zufall, daß er nach der Sägemühle einen Ausflug machte, Möglichkeiten genug für ihn, ihren Aufenthaltsort schnell zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert sein. Vielleicht zürnte er über ihr Verschwinden. Doch ihr Gefühl ließ sie nicht anders handeln. Es war freilich kein so klares, einfaches Gefühl wie die, denen sie sonst folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht allerlei uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die Liebe macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die Starken schwächer, als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht aufgemuntert werden. Wenn er kommen wollte, mußte er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ...

So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie stellte Marga vor, wie grausam, rücksichtslos, unfreundschaftlich, ja geradezu unanständig es sei, so zu handeln. Aber Marga blieb fest. Elli mußte sich fügen. —