Sie durfte ihn nicht zurückstoßen. Und durfte doch auch seine zunehmende Annäherung nicht dulden! Wo war die Grenze? Woher nahm sie Kraft, immer neue Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht zu wollen, was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch Kraft wider Kraft und bäumte sich auf gegen die Zügel, die sie ihm anlegte. Das trübte die klare Stille ihres Wesens. Das nahm ihr ihre Unbefangenheit. Sie erschien kälter, gleichgültiger und verschlossener als sonst. Ihr Schweigen und seine Verstimmung nährten sich gegenseitig und machten dies erste Alleinsein auf der Sägemühle für beide höchst unerquicklich.

Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da kamen Wilkens und Elli zurück und brachten den Vorschlag, im Garten gemütlich Abendbrot zu essen.

Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gäste vom Nachmittag waren im Aufbruch begriffen, und Elli wartete gar nicht erst eine lange Erklärung von Marga oder Doktor Perthes ab, sondern wählte einen Tisch weiter vorn im Garten, freier und näher dem Fluß, wo sie für vier Personen decken ließ.

Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte Wilkens und den Doktor abwechselnd für ihre Dienste. Perthes wollte nicht zurückbleiben. Im Gegenteil, er überbot die anderen und sprang von seiner Verstimmung über zu lauter Ausgelassenheit.

Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend, um niemand die Freude zu verderben. Sie erriet, was in Perthes vorging. Mit einer gewissen Absichtlichkeit wollte er ihr zeigen, daß er sich aus dem Vorhergegangenen nichts mache.

Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder zu necken.

„Obwohl Fräulein Marga mich so schlecht behandelt!” — „Trotzdem Fräulein Marga gar keinen Wert auf meine Gesellschaft legt!” Solche und ähnliche Wendungen ließ er ständig mit einfließen. Ohne Bedacht, nur seiner inneren Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel jener Koketterie, deren auch Männer fähig sind. Er wollte Marga zu irgendeiner Äußerung verlocken, mit der sie sich ins Unrecht setzte und ihre Freude, daß er doch gekommen war, verriet. Sie sollte sich für das „Verbrechen an der Freundschaft”, das er ihr vorwarf, entschuldigen und damit seiner Eigenliebe schmeicheln.

Er erreichte von Marga nur ein Lächeln, das matt und traurig aussah, weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte und ihr an der Seele riß, wo sie am empfindlichsten war.

Es war um diese Stunde köstlich im Garten am Fluß. Er lag verträumt im dämmerigen Schatten der mächtigen Linden und Ahornbäume.

Draußen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels überhaucht, Welle an Welle.