Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und wieder betrachtete er sie von der Seite. Nichts Trotziges, Eigensinniges war an ihr zu entdecken. Aber ihrem Antlitz fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe und Klarheit, die sie sonst erfüllte. Eher war es Angst, Schwäche, Hingebung — eine scheue, hilflose Mädchenhaftigkeit, wie er sie so nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle Gefühl, ihr helfen, sie schützen zu wollen, regte sich in ihm. Er hätte sie an seine Brust ziehen mögen. Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein Bruder die Schwester. Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal, länger. Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran, seiner zärtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben Augenblick ließ Marga ihn los.

Sie riß sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung, die er machen wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme hinter sich. Der Wind ließ das Haar um ihre Schläfen flattern. Gewaltsam trat ein herber, entschlossener Zug in ihr sonst weiches Gesicht. „Ich will Ihnen sagen, was es ist,” preßte sie hervor. „Es gibt Zeiten, in denen ich einsam sein muß. Ganz einsam. Ich brauche dann all meine Kraft nur für mich allein. Und bin ungesellig und unfreundlich wie jetzt. Vielleicht — vielleicht —” Sie stockte. Dann kam es mit äußerster Anstrengung: „Vielleicht wäre es besser, Sie besuchten mich — in diesen Wochen hier draußen — gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch nichts von der Sägemühle gesagt.”

Perthes sah sie mit bestürzten Augen an. Er wußte nichts zu erwidern auf dies seltsame, unerwartete Geständnis. Auch keinen Zorn empfand er gegen sie, daß sie ihn so gewissermaßen vor die Tür setzte. Nichts von Enttäuschung, von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu hatte er sie zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade jetzt mehr als je, obwohl er ihr Reden weniger begriff als ihr Schweigen am Nachmittag. Es ging eine Traurigkeit von ihr aus, die auch ihn ergriff. Über die ganze Landschaft schien sie sich auszubreiten — über die dunklen Wiesen, den schwarzen Fluß, die finster starrenden Waldberge. Und in dieser Traurigkeit schritten sie nebeneinander weiter, ohne sich zu führen, er links, sie rechts am Weg. Er hatte vergessen, daß sie blind war und er sie führen sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern als möglich, und nicht geführt sein. So allein, wie sie es ihr ganzes Leben hätte sein sollen ...

Ehe sie den Garten der Mühle erreicht hatten, wurden sie von Elli und Wilkens eingeholt.

Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit des Glücks: die glänzte aus Ellis Augen und glänzte als ein sattes, seliges Lächeln auf Wilkens' vollen Lippen.

An der Böschung vor dem Garten lag noch ein Kahn. Der Schiffer, dem er gehörte, lungerte am Zaun. Er hatte gehört, daß noch Fremde aus der Stadt da seien, und bot nun hutrückend seine Dienste an. „Der Mond kommt!” setzte er verheißungsvoll hinzu und deutete hinauf nach den Bergen. Über einer Waldkuppe im Osten war es hell von weißem Licht.

Wilkens wandte sich fragend zu Perthes.

Der nickte zerstreut.

Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten. Dann stiegen die beiden die Böschung hinunter und in den Nachen.

Marga und Elli traten hinaus auf die Landstraße. Sie folgten eine Weile dem Boot, das sich flußabwärts in die Mitte des Flusses hinüberarbeitete. Die Ruderschläge hallten dumpf und gleichmäßig zu ihnen zurück. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem Schatten.