„Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat immer das Gegenteil von dem getan, was ihn bei Hupfeld in gute Meinung bringen konnte! Ich sagte ihm seinerzeit: ‚Wenn Sie hier was erreichen wollen, müssen Sie Exzellenz Ihre Aufwartung machen.‛ Was gibt er zur Antwort? ‚Ich besuche, wen ich will.‛ Ich führe ihn in unseren Sportklub ein. Alice Hupfeld sagt ihm: ‚Sie müssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von Ihnen durch Rehbach in Bonn gehört. Er interessiert sich für Sie.‛ Perthes nickt mit dem Kopf und — bleibt weg. Denkt nicht daran, zu Hupfelds zu gehen. Was geschieht? Drei Wochen später läßt ihn der Geheime Rat höflich zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten! Mir steht der Verstand still.”

„Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel. Hat auch Glück. Aber ein unsicherer Kantonist. Er hat keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch — chi lo sa? Vielleicht ist er Heiratspolitiker!”

Diese freimütige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen Institut zwischen Professor Hammann, dem Chef, und dem ersten Assistenten Doktor Markwaldt während der Frühstückspause geführt.

Hammann saß mit übergeschlagenen Beinen in einem für ein Laboratorium reichlich behaglichen Ruhesessel. Die paar Kaviarbrötchen, die ihm der Diener mit einem Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr präsentierte, waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen, wischte sich apathisch die kurzsichtig-blöden Augen und rieb den Kopf mit dem millimeterkurz geschorenen, grauschwarzen Haar am Sesselrücken.

Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an seiner Butterstulle. Nach dem bedeutungsvollen Wort „Heiratspolitiker” hielt er es für geraten, die Unterhaltung vorsichtiger zu führen. Der Chef schien da auf Fräulein Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache, denn man munkelte, daß zwischen ihm selbst und Alice vor einigen Jahren irgend ein zartes Verhältnis bestanden haben sollte. Genaues wußte niemand. War es nur eine flüchtige Courmacherei gewesen, wie die einen behaupteten, oder war es, wie andere mutmaßten, bis zu einer Art Verlobung gekommen — etwas hatte gespielt, so viel war gewiß. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub auf dem freundschaftlichsten Fuße. Daran erinnerte sich Markwaldt, während er seine Stulle mit bemerkenswertem Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne Gefahr auf den Zahn fühlen ließ?

„Heiratspolitiker?” wiederholte Markwaldt nach einer Weile nachdenklich. „Das traue ich Perthes erst recht nicht zu. Erstlich ist er, wie ich ihn kenne, überhaupt kein Politiker. Und zweitens wüßte ich auch nicht, wem die Politik gelten sollte,” ergänzte er sich unschuldig.

„Na — Sie sagen doch selbst, daß Fräulein Exzellenz ihn zum Besuchmachen aufgefordert habe,” ließ sich Hammann gähnend vernehmen.

„Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht —”

„Glauben? — Ich glaube gar nichts, das heißt — von den Frauen glaube ich alles und gar nichts!” Hammann beschäftigte sich jetzt damit, mit den Fingerspitzen die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen Beinkleidern wegzuschnellen.

„Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen, Herr Professor!”