„Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache kam — nichts ist einfacher!” erklärte Perthes, ohne von seinem Mikroskop aufzusehen. „Vor einigen Wochen hatte ich die Bazillenschnüffelei so satt, daß ich in einem Anfall von Mißmut an Professor Rehbach in Bonn schrieb, ich hätte Lust, wieder zur Chirurgie zurückzukehren. Ob er etwas für mich wüßte. Irgendeine Assistentenstelle. Ich hatte bei ihm doktoriert, und wir verstanden uns immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte wieder so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld, sein Schüler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten angefragt, hätte mich empfohlen. Ob ich Lust hätte. — Fertig ist die Laube, würden Sie sagen! Das ist alles.”

„Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als könnte es was Selbstverständlicheres nicht geben!” zeterte Markwaldt. „Sie sind der blasierteste Fasan oder das neugeborenste Lamm, das mir je vorgekommen ist!” Er drehte sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf den Schenkel. „Wissen Sie denn nicht, daß Hupfelds Assistenten, wenn sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte Leute sind?”

„Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen, Kollege!” Perthes streifte ihn über sein Instrument weg mit einem spöttischen Blick.

„Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den Hals gefallen? Oder haben ihr die berühmte Hand vor Rührung abgequetscht? Oder —”

„Sieht mir das ähnlich?”

„Nee, nee, ähnlich sieht Ihnen das freilich nicht. Ähnlich sieht Ihnen, daß Sie sagten: ‚Sehr nett von Ihnen, Herr Hupfeld! Ich hab' das nicht anders erwartet!‛ Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf die Schulter geklopft, was? Und dann erklärten Sie wohlwollend oder zimperlich, so wie 'ne höhere Tochter, die mit Mama'n sprechen muß: ‚Ich werde mir's mal überlegen‛! — Hab' ich recht?”

Jetzt mußte Perthes wider Willen lachen. Die bissige und doch zugleich gutmütige Aufregung Markwaldts belustigte ihn. „Ganz so war's ja nicht. Aber Bedenkzeit mußte ich mir allerdings ausbitten.”

„Wußt' ich 's doch! Ihnen müssen die Tauben nicht bloß gebraten, sondern auch gleich hübsch tranchiert in den Mund fliegen! Ich sage Ihnen, ich” — Markwaldt stellte sich breitbeinig in Positur und klopfte sich auf die Brust —: „Wenn Sie Glückspilz da nicht mit beiden Händen zugreifen, sind Sie — nee, die Zoologie ist dafür zu gut! — sind Sie reif für 'ne andere Klinik! Für die da drüben — am Wasser, wissen Sie — für die psychiatrische. Aber nicht als Assistent, sondern in die Isolierzelle! Dixi!” Damit schritt er heftig zurück an seinen Platz und präparierte seine Mauslungen.

Perthes dachte nicht ganz so gleichgültig von Exzellenz Hupfelds Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er auch bei dem häufigen Wechsel, zu dem ihn seine innere Unrast innerhalb der Wissenschaft schon getrieben hatte, einer neuen Wendung skeptischer gegenüberstand als ein anderer und ihm Fragen des äußeren Erfolgs unbedeutender erschienen als die jener inneren Befriedigung, nach der er sich bisher umsonst abgehastet, so bedeutete doch der Vorschlag des berühmten Hupfeld, in seinen Assistentenstab zu treten, einen Fortschritt, so verlockend und aussichtsreich, wie er sich nur wünschen ließ. Er war weder der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm, zwischen denen ihm Markwaldt die Wahl ließ. Kam es darauf an, so konnte er sich freuen, so gut wie irgendeiner. Vielleicht toller als irgendeiner. Nur durften dann nicht so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein Inneres beschäftigen wie gerade in den letzten Tagen.

Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nächtlichen, mondbeschienenen Heimfahrt von der Sägemühle enthüllt hatte, hatte er keine ruhige Minute mehr. Es war nicht wie vor einigen Wochen jenes leidenschaftliche Toben und Sichverlieren, das ihn in allen Höllen und Himmeln umherwarf. Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte sich zur mitleidslosesten Objektivität gezwungen, deren er fähig war. Am Tag nach jener letzten Begegnung räsonierte er einfach und nüchtern: Sie liebt dich. Liebst du sie? Was er bei strenger Untersuchung in sich fand, war: unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes Freundschaftsgefühl, wie er es nie für einen Menschen empfunden, und tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende, himmelstürmende Liebe, wie er sie sich vorstellte und ersehnte, fand er nicht. Keine Beschleunigung seines Pulses, kein heißer, wirbliger Kopf, der nur einen Gegenstand denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen. Er liebte also Marga nicht. Folglich gab es für ihn als Mann von Ehre und Takt nur eine Möglichkeit: er mußte sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten hatte. Strengste Zurückhaltung mußte er sich auferlegen, um sie nicht durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglücklicher zu machen. Er hatte schon gerade genug gesündigt. Nun, da er von ihrer Liebe wußte, erklärte sich ihm so vieles: ihr Versagen, als er sie wegen seiner Liebelei mit Hilde König um Rat fragte; ihr Schweigen über den Umzug nach der Mühle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch da draußen, von dem ängstlichen, abweisenden Empfang bis zu der gewaltsamen Bitte, sie dort allein zu lassen. Wie mußte er sie gequält haben! Wenn es sein mußte, wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein zweideutiges Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung endigen mußte.