Am Tag danach räsonierte Perthes nicht minder eindringlich.

Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid bei sich fest, aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe? Gab es denn die Liebe, die er sich zusammenidealisierte? Er wollte sehr gründlich zu Werk gehen. War diese „Liebe” nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei sehr verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er dies Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es auseinander in Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte, die er einstweilen mit x bezeichnete. Weiter kam er für diesmal nicht. Dagegen ertappte er sich des öftern, wie er in Gedanken Ausflüge nach der Sägemühle machte und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte. Ob und wie sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht war es doch nicht richtig, ihr nicht wenigstens eine Zeile zu schicken, die ihr darlegte, wie er die Sache ansehe.

Der nächste Tag — es war der gestrige — ließ ihn mit dem Gefühl einer großen, schmerzlichen Leere aufwachen.

Kein Wunder, daß er als gewissenhafter Selbstschauer über diese Leere Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm? Was oder wen vermißte er? Ohne Zweifel den Umgang mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine angenehme Gewohnheit. Seine Gefühle für Marga waren dieselben wie vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war er doch stehen geblieben? Liebe = Leidenschaft + x. Besser: x + Leidenschaft. Die Leidenschaft war sicher das Nebensächliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber x? War die große Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit + Mitleid, eben jene Summe, in der sich die Freundschaft darstellte? Perthes mißtraute dieser Gleichsetzung. Sie befriedigte ihn nicht. Gewiß nicht. Nicht annähernd. Sie mußte falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden Gedanken an die Mühle und Marga fern.

Und heute?

Es war Freitag. War er mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen? Er war unzufrieden mit seiner ganzen bisherigen, so peinlichen Analyse, mit der Methode überhaupt.

Was wollte er eigentlich? Das Unmögliche! Das lag so in seiner verhängnisvollen Natur; er wollte, was er nicht brauchen konnte, und wollte nicht, was er brauchte. Es genügte ihm offenbar nicht, daß er sich mit seiner albernen Schwärmerei für Hilde König und deren kläglichen Nachkrämpfen vor sich selber unsterblich blamiert hatte! Wo hinaus wollte er mit dem öden Spintisieren der letzten Tage? Es war doch vollkommen gleichgültig, was „Liebe an sich” war. Es handelte sich um das, was er als Liebe brauchte. Für sein Glück. Sein Wille hatte da das entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher, harmonischer, mehr als er selbst empfunden als in dieser Freundschaft? Er mußte an ein Gespräch denken, das er einst mit Marga gehabt. Sie hatte davon gesprochen, daß es viel weniger auf die Meinungen ankomme, die man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf das, was man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten: „Was aber dann, wenn man bald so ist, bald so? Wenn man die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?” — „Dann kommt es eben darauf an, durch welche von beiden man glücklicher, man mehr ‚man selber‛ ist. Wenn man das erst weiß, braucht man bloß zu wollen!” Begriff er jetzt, was er damals nicht begreifen konnte? Wollte er begreifen? Er war am Wendepunkt seines Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag eine Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmögliche und Überschwengliche, wohl aber Schönheit, Harmonie, die große Stille, die er ersehnte. Wenn er ein Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die Wirklichkeit zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit ist sie's! So will ich's! ...

So weit war Perthes' Überlegung gediehen, als er am Morgen ins Institut kam.

Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik zu der unerwarteten Konferenz mit Hupfeld.

Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags hatte er von dort den Weg nach der Straße am Wenzelsberg eingeschlagen. Er war so gewohnt, alles mit Marga zu besprechen, daß er für den Augenblick ihr Fernsein völlig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein.