Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins Bakteriologische Institut zurück.

Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwärts.

Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie getrieben, um an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack zu finden. Es litt ihn nicht am Untersuchungstisch, und ehe Markwaldt das ihm unerträgliche Schweigen des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte, war dieser davongelaufen.

Er bummelte nach der Stadt.

Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften Überlegung, mit der er seine Gefühle zu zerfasern begonnen hatte, war er jetzt auf dem Punkt angelangt, wo sein Temperament sein Recht verlangte. Der Anstoß, den Hupfelds Anerbieten ihm gab, genügte gerade, um ihn den Sprung tun zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven Grübeleien der letzten Tage ihn unaufhaltsam zudrängten. Und es war ein Sprung. Vor ein paar Wochen war er für Hilde König Feuer und Flamme gewesen, für die leichte, poetische Äußerlichkeit, den „Falter”, den er, das schwerfällige „Kriechtier”, brauchte um jeden Preis! Und jetzt war es die tiefe, versonnene Innerlichkeit, die von allem Äußerlichen abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste Marga, die ihm unentbehrlich war wie keine andere! In der kürzesten Spanne Zeit hatte sich seine Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber so sah er, Perthes, das, was sich vorbereitete, nicht an. Er sah, im Schein seiner ehrlichen Selbstprüfung, eine gründliche, sein ganzes Wesen wandelnde Entwicklung. Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf das Postgebäude zuging, wunderte er sich über die Ewigkeit, die es gedauert, ehe sein Entschluß gereift war. Er trat ein und ließ sich am Schalter einen Kartenbrief geben. Mit fliegender Schrift warf er die Zeilen darauf:

Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen fünf auf die Sägemühle.

Herzlich Ihr

Max Perthes.

Als er fertig war, fiel ihm ein, daß der Brief sie nicht rechtzeitig erreichen könnte. Nicht einmal als Eilbrief. Sollte er telegraphieren? Marga konnte erschrecken. Er lief von der Post nach dem Bahnhof. Dort ergatterte er einen grünen Radler. Der mußte die Botschaft geradeswegs und so schnell wie möglich nach der Mühle bringen. Perthes war nicht eher beruhigt, als bis der junge Mann mit seinem grünen Käppi um die nächste Ecke geflitzt war. Es war schon viel zu viel Zeit versäumt, viel zu viel.

Sich die Stunden bis zur eigenen Fahrt nach der Mühle zu vertreiben, kostete ihn eine unglaubliche Anstrengung.