Er nahm sich vor, sein Mittagessen im Café Wagner länger auszudehnen als sonst. Die Folge war, daß er eine Viertelstunde eher fertig war, als gewöhnlich. Dann wollte er in seiner Behausung mindestens eine Stunde schlafen. Noch keine halbe Stunde war vergangen, so sprang er von seinem Schaukelstuhl auf und streckte den Kopf zum Fenster hinaus. Es war ein bedeckter, aber angenehmer Sommertag. Es lohnte sich immerhin, zu Fuß nach der Mühle zu gehen. Nein! Das dehnte sich so widerlich lang. Also mit dem Lokalzug. Aber da mußte er noch anderthalb Stunden warten. Genau so war's mit dem Vergnügungsdampfer. Und der blieb überdies mit Vorliebe in der starken Strömung hinter der Brücke, dem sogenannten „Teufelswirbel”, stecken. An einen Nachen war erst recht nicht zu denken. Das Rudern dauerte gegen den Strom eine halbe Ewigkeit. Blieb — das Rad. Das war nicht mehr recht fair, aber praktisch. Er entsann sich eines medizinischen Kollegen von der Augenklinik, der ihm ein Fahrrad pumpen konnte. Obwohl es noch nicht drei Uhr war, machte er sich zu diesem Bekannten auf den Weg. Natürlich war der noch bei Tisch. Aber das Rad war da, und nach einer Bestellung seines Namens durch die Hauswirtin konnte er riskieren, es zu nehmen. Jedenfalls nahm er es. Daß er so von allen ihm zu Gebote stehenden Fuhrwerken — Autodroschken ungerechnet — das geschwindeste gewählt, war der reine Zufall. Wenn er zufuhr, konnte er in zwanzig Minuten auf der Sägemühle sein. Und er fuhr zu.

Er sah nicht rechts noch links. Er wäre um halb vier Uhr an Ort und Stelle gewesen, wenn er nicht ganz unerwartet von einer Stimme hinter sich angerufen worden wäre.

„Holla, Doktor! Sie sind wohl Rennfahrer, was?” klang es ihm boshaft nach.

Verdutzt drehte er sich um. Er hatte gar nicht bemerkt, daß er an einer gleichfalls radelnden jungen Dame vorbeigesaust war.

An der Stimme hatte er Fräulein Hupfeld erkannt.

Wenn er nicht schon zurückgeschaut, und wenn es sich nicht um die Tochter seines präsumtiven Chefs gehandelt hätte — er wäre schlankweg weitergefahren. So machte er eine Volte und wartete, bis Fräulein Exzellenz in sehr gehaltenem Tempo sich näherte. Sie sah schick aus in dem leichten, lichtbraunen Kostüm mit der gleichfarbenen Mütze, die ein heller, bauschiger Autoschal mit flotter Schleife unter dem Kinn festhielt. Die kecke Stupsnase und ein paar seltsam flackernde, graubraune, intensive Augen blickten aus dem flatternden Musselin hervor. Frei und ungezwungen, nur die eine Hand am Griff der Lenkstange, saß sie auf dem Rad. Die länglichen, schmalen Füße in braunen Lackhalbschuhen regierten spielend die Pedale.

„Sie sind also auch noch so stillos, zu radeln?”

„Ich bin immer mein eigener Stil,” gab Perthes mit hochtrabender Kürze zurück.

„Hübsch. Das könnte beinahe ich gesagt haben!” Alice war jetzt neben ihm. „Wissen Sie, das wievielte Mal es ist, daß Sie mich nicht grüßen, Doktor Perthes?”

„Nein, gnädiges Fräulein. Jedenfalls bedaure ich —”