„Sieh her, der Mensch mit den Leichenaugen.“
Balrich überzeugte sich, daß der Herr von vorhin ihn anstarrte.
„Der ist hier, weil ich hier bin,“ raunte Leni. „Ich brauche nur zu pfeifen,“ sagte sie schon lauter und spitzte wirklich nach dem dort die Lippen. Er lächelte wie eine Maske, und Leni sagte erfreut:
„Du siehst, auf einen, der sich dünn macht, kommt es nicht an.“ Schnell fragte Balrich: „Dann liebst du den Heßling nicht?“ Hierüber erschrak sie. Ihre schönen Goldaugen zuckten, er hatte Mitleid mit ihr, noch bevor sie sprach. Sie sagte aber, ergeben wie eine Magd:
„Einen lieben? Das darf ich noch nicht. Das darf ich erst, wenn ich reich bin.“
Worauf sie zum erstenmal die Augen senkte.
„Man weiß doch schon viel,“ murmelte sie, und hiernach schwieg er. Eine lange Weile, dann erst bemerkte sie, daß die Musik längst aufgehört hatte und daß auf der Bühne wieder gespielt ward. Die Herren und Damen gingen durcheinander, drehten und rieben sich wie die Teile einer Maschine, — die man aber kennen mußte. Jeder hatte mit jedem etwas vor; und obwohl doch alles nur Worte waren, lauerten vorgeblich überall die aufreibendsten Schwierigkeiten und Gefahren. Hörte man jenen Herrn mit seinen Markzigarren, diese schmuckbedeckte Dame, es ließ sich für sie kaum leben. „Warum? Was wollen sie,“ fragte Balrich. Leni hatte wohl schon Wind bekommen, sie erklärte:
„Es juckt sie innerlich — sie suchen einander die Flöhe ab.“
Dazu lachte sie höhnisch, und ihr Bruder lachte mit. Links von ihm die Dame, bei der man an Frau Buck dachte, beugte sich vor und zischte ihm in das Gesicht. Leni, um ihn zu rächen, zischte zurück. Halblaut machten sie sich so lange lustig über die Alte, bis auch der zweite Akt aus war und sie sich eilends davon machte.
Dies erhöhte die Stimmung der Geschwister. „Bin ich schön?“ fragte Leni; und in ihrem Kleid, das die reichen Frauen genau nachahmte, machte sie schaukelnde Schritte, die Arme vom Leibe, das Gesicht in der Luft, — als spaziere sie noch durch Gausenfeld, am Sonntag, wenn alle ihre Verehrer unterwegs waren. Der Bruder lachte, tief überzeugt. Ob sie schön war! Bedeckt die Hüften und die Schenkel mit gestickten Silberblumen, die Büste prahlerisch glänzend aus den Spitzen und falschen Perlen, das Gesicht aber, nie hatte es so freche Farben gehabt. Der Bruder unwillkürlich schaukelte wie sie und trug den Kopf hoch. Einige Gänse an ihrem Wege wollten Gesichter schneiden und die zu ihnen gehörigen Hämmel wollten aufmucken; da machte der Bruder seine drohenden Brauen und die Ellenbogen hielt er steif, so ging es. Die Schwester sagte: