Zwischen Kraft, der voranging, und Horst, der folgte, machte er sich auf den Rückweg, durch den weißseidenen Barocksaal und die golden bespannte Halle. Auf der Treppe wiederholte er noch: „Entschlossen zu allem,“ — da hielt Horst ihn an. Kraft war droben verschwunden. „Erlaube, Papa,“ sagte Horst leichthin. „Nur zu deiner persönlichen Information. Er hat nichts weiter gewollt, als daß ich seine Schwester heirate.“
Der Generaldirektor sah ihn schroff an. „Ich habe keinen Grund, dir zu glauben. Wir sind übereingekommen, daß er Geld von dir wollte. Der Wert geschäftlicher Abschlüsse scheint dir noch nicht klar zu sein.“
Horst schluckte hinunter. „Als Kavalier,“ begann er wieder, „empfinde ich es peinlich —.“ Der Generaldirektor machte „Haha! Die Ehre des Fräulein Balrich. Sie muß wiederhergestellt werden.“
„Nicht mehr und nicht weniger,“ sagte der Sohn; er war erbleicht; „und im Weigerungsfall ist nichts gewonnen, im Gegenteil.“
Der Generaldirektor sah angestrengt in die Augen des Sohnes. Was drohte hier, oder was ließ sich in Anschlag bringen? Er fragte lieber nicht. Vielleicht, daß auf eine gewisse Art die Sache sich stillschweigend abtat. Sicherer und endgiltiger, als durch eine leichte Gefängnisstrafe des Erpressers. „Ich werde schwer getroffen,“ überlegte der Generaldirektor, „wenn dem Jungen ein Unglück zustößt. Aber bezahlen muß jeder, und es gibt Geschäfte, die nicht zu teuer liquidiert wären mit der Darangabe eines Sohnes.“ So kaufte man dem Feinde sein Recht ab, und die Macht verblieb, wo sie war. Der Vater blinzelte, der Sohn erriet ihn; es durchschnitt ihn kalt . . . Beide zugleich traten voneinander zurück, — worauf der Generaldirektor etwas beschleunigt in sein Zimmer drang.
Der Sohn setzte, obwohl allein in der Weite, das Monokel ein, und in leidlicher Haltung kehrte er wieder um. Was auch Entscheidendes vorgefallen war, die Banknote unter der Tür hatte es ihn nicht vergessen lassen. Da lag sie noch, — wie er aber hingriff, riß sie aus und war drüben, bei den Bucks. Eine neue Gefahr. Er kauerte und wagte sich nicht zu rühren. Dann kam von drüben ein Pfiff — der bedrohliche Pfiff, den man in dunklen Nächten wohl hörte, aus einem Graben oder Busch, war man allein noch unterwegs. Horst begriff, Hans Buck war es, und er drohte. Er konnte weitersagen, was er erhorcht hatte hinter dieser Tür. Rätlich war es, ihn stillschweigend abziehen zu lassen mit dem Schein. Horst, in seiner Lage, sah keinen Anlaß, sich tiefer einzulassen in die halsbrecherische Politik des Generaldirektors. Noch immer kauernd, zog er sich sacht zurück.
Hans Buck, der durch das Schlüsselloch dies feststellte, tat einen Sprung, und dann lief er. Sie konnten ihn fangen wollen, — rasch fort, nach hinten durch den Park, den Wald, den Arbeiterwald und querfeldein über Gausenfeld hin, fliegen zu ihr! In die Stadt, jene Straße, das Haus und zu ihr! Ihre Arme, ihr Mund! Du hast Geld. Lauf’, lauf’, mit dem Geld zu der Liebe!
Er war schon durch den Torweg zwischen den Arbeiterhäusern; die Wiese; die Landstraße, — da hielt er an, wollte weiter, stockte — und trat endlich doch ein in das große Haus der Armen. Das Tor ward gerade geöffnet, es dämmerte; sie standen auf, schon waren sie auf den Treppen. Hans Buck hielt an, wen er traf. Schnell ein Wort, und auch dort eins. Zurück nun, und zu Klinkorum. Die Lampe Balrichs glomm gelb im Morgen. An das Fenster gepocht und hastig hinein geraunt, was nottat. Schon lief er, es spritzte der Kies. Zwischen ihm und ihr nichts mehr als der Lauf.
Er lief, und ihm voran lief sein Herz. Es war schon angelangt, es sah sie schon, sein Herz sah ihr Gesicht schon, das es so sehr fürchtete um seiner Schönheit willen, — und wie sie ihre weißen Arme auseinanderschlug . . . Plötzlich fand er sich auf der Landstraße, noch immer hier, kaum hinaus über Klinkorum. Am Himmel, der sich erhellte, flitzten Schwalben dahin bis über die Stadt, bis über ihr Haus, — kehrten um, waren zurück und bebten noch. So war sein Herz.
„Wenn ich hinkomme,“ fühlte er, „wenn ich noch hinkomme!“ Nur dies, dann nichts mehr. Nach diesem das Ende, was sonst. Ihr Haus, auf das er zulief, von jenseits lief der Tod auf es zu, — sie mußten sich treffen in ihren Armen. Jauchzend lief er auf den Tod zu, der die Liebe war.