Aber kaum eine Stunde, da schlich er hilflos wieder herbei. Sein Herz war unbeflügelt, in den Staub auf seinem Gesicht rannen Tränen. So kam er zu der Villa Klinkorum. Im Garten stand Polizei; auch die Familie Dinkl, die aus ihrem Keller herausstrebte, ward im Zaum gehalten von einem Schutzmann. Hans Buck gab an, sein Lehrer erwarte ihn, und durfte hinaufgehn. Droben begegnete er Männern ohne Uniform und mit schlechteren Gesichtern als die Uniformierten; sie suchten oder lauerten auf. Ein Höherer stand in dem Studierzimmer vor Klinkorum. Der Generaldirektor Heßling saß sogar auf dem Schreibtisch und warf Papiere durcheinander, wer weiß wegen welches Papiers. Beide herrschten Klinkorum an. Mit Würde hielt er ihnen stand. Den Balrich, den sie suchten, habe er nicht gesehn. Er wisse nichts von Attentaten des Balrich. Er, sein Helfershelfer? Er würde lachen, — wenn er nicht fürchten müßte, noch mehr verkannt zu werden in seiner staatstreuen Gesinnung.

Der Generaldirektor sagte schneidend: „Die wird an einem anderen Ort geprüft werden. Wir haben Zeugen für Ihre staatstreue Gesinnung;“ — und er zeigte in jenen dunklen Winkel, wo nichts zu erkennen war. Klinkorum aber, noch immer unerschüttert, ging hin und legte jemandem die Hand auf die Schulter. Kraft Heßling war es, mit dem er hervorkam. „Zeugen,“ sagte Klinkorum nicht ohne Ironie, „hat jeder, und wäre es nur Gott. So dunkel sind selbst nicht die verstohlensten Herzenstriebe. Wohlan, deutscher Jüngling!“ Mit einem leichten Schub schickte er Kraft seinem Vater zu — und hatte dabei um seinen Haifischrachen einen so vielsagenden Zug, daß der Generaldirektor ohne weiteres vom Tisch rutschte. Wohl brachte er noch einige Drohungen hervor, war aber schon im Rückzug begriffen, mitsamt Kraft und den Kriminalern.

Die Luft war rein; Hans Buck, hinter der Tür, machte Huhu! — um zu sehen, wie Klinkorum erschräke. Doch erschrak er nicht, er hob gegen seinen Schüler den Finger und lehrte: „So hast du denn mit angesehen, Knabe, was aus den armseligen Machthabern wird, wenn das Wissen gegen sie aufsteht. Wir Intellektuellen tragen in unserem Geist den Sprengstoff für sie alle.“

Hiermit entlassen, machte der junge Buck sich aus dem Hause, das er inzwischen umringt fand, nicht mehr von Polizei, vom Volk, zumeist Frauen. Sie drangen in den Garten, Dinkls berichteten ihnen, — und schon, von ihnen herbeigeholt, liefen Männer über die Wiese. Sie hatten, von der Arbeit weg, die Fabrik verlassen, sie wollten selbst sich überzeugen, ob der Heßling es wagte, den Balrich zu verhaften, ihren Balrich, ihren Führer, den, auf den sie hofften. Denn sie hofften wieder auf ihn allein. In Gruppen standen sie und sagten halblaut, als würden sie bewacht: „Er ist der Wahre. Er hat es immer gewußt, der Heßling mit seiner Gewinnbeteiligung werde uns nur hineinlegen. Jetzt hat er etwas vorgehabt, wozu verhaften sie ihn sonst.“

„Was wird er vorhaben.“ Herbesdörfer wühlte umher. „Den Streik, was sonst soll uns helfen. Er hat ihn nie gewollt. Will er ihn jetzt, dann weiß er das Seine, dann los!“

Sie teilten sich, die einen zogen nach der Fabrik, die Genossen zu holen. Andere, leis eingeweiht von den Frauen, kamen mit in das Haus, sie verteilten sich über Treppen und Gänge. Den Spitzel Jauner drängten mehrere in ein Gelaß und versprachen ihm für diesmal das Schlimmste, falls er sehe oder höre. Es währte lange, bis alle sich wiederfanden, vor dem Zimmer 101 im Haus B. In seinem alten Zimmer saß Balrich.

Er sah ihnen entgegen, die Hand auf seinem fichtenen Tisch, an einem Revolver.

„Ich kann hier nur Freunde gebrauchen,“ sagte er, die Brauen gefaltet. „Wenn andere mich hier finden, ich habe etwas zu viel für euch getan, mir bleibt nur der da.“

Hierauf, so wild sie waren, schwiegen sie, — bis einer sagte, es sei nun gleich, so stünd’ es um sie alle, sie seien die Seinen. Auf Gedeih und Verderb, sagte Herbesdörfer. Nicht einer mache flau, sagte Polster.

Da riet er ihnen: die Arbeit niederlegen und still sein. „Keine Gewalt — nur warten, bis er tut, was ihr wollt.“