Er besann sich.
„Dein Mann muß flüchten; es steht nicht in meiner Macht, ihn zu schonen. Er soll heute abend um sieben als Bauer durch das Tor fahren.“
Ich ging nach Hause. Claudio kam; seine Freunde hatten ihm geraten zu fliehen. Ich ließ ihn die Kleider des Mannes anziehen, der uns Gemüse brachte, und er entkam.
Ich blieb zurück; Claudio wollte mich nicht mitnehmen auf seine ungewisse Fahrt. Übrigens wußte ich, man hätte mich nicht fortgelassen. Ich war ganz allein in unserem Hause, ich hatte nichts mehr für mich selbst zu essen, viel weniger für eine Magd. Und aus welchem Fenster ich den Kopf steckte, immer sah ich in das Gesicht eines Spions. Sie ließen niemand hinein zu mir.
Eines Abends aber hörte ich das Haustor gehen. Ich lugte aus meinem Zimmer. Drunten im Flur war alles finster. Aber in der Finsternis näherten sich feste Schritte. Ich schloß nicht meine Tür, ich fand alles nutzlos. Eine jähe, fiebernde Angst sprang in meinen Adern — nicht vor dem, der jetzt die Treppe heraufkam, nicht vor ihm. Es war heiß, mein Hals war entblößt. Und ich hatte Angst vor meiner eigenen Brust und vor den Schlägen darin. Ich suchte nach Hilfe; da nahm ich meine dreifarbige Schärpe und legte sie über meine nackte Brust. So stand ich und wartete.
Er trat ein, und er verzog den Mund.
„Da stehst du und weißt genau, daß du mein bist —, und mit einem gefärbten Tuch willst du trotzen, mir und dir. Wie töricht bist du!“
Aber ich fühlte jetzt Mut. Eine Öllampe mit drei brennenden Schnäbeln flackerte auf dem Tisch hinter mir; er sah von meinem Gesicht nur den Umriß. Ich aber konnte erkennen, wie bleich er war. Große Schatten tanzten um uns her an den Wänden. Er sagte:
„Aber so war es immer. Du hast dir die Freiheit immer nur wie ein Tuch umgebunden, weil du mir deine Schönheit versagen wolltest. Und du liebst mich, von jeher liebtest du mich! Ist es wahr, daß du geweint hast, als ich vom Balkon über die Mauer gesprungen war?“
„Es ist wahr,“ sagte ich. „Und ich hätte dich geliebt. Aber ich durfte nicht, denn es gab etwas Größeres, das ich erblickt hatte und nicht vergessen durfte: Jenen, der auf dem Turm vor dem Ghetto stand und seine Axt ins Tor schlug.“