Der Alte war blind. Womit füllte er sein verstopftes Gehirn? Mit Lukas’ neuen strahlenden Bildern, mit den Bildern von Blumenwiesen, wo junge Frauen in schwarzen Haaren blonde Ritter mit Rosen krönten; von weißen Städten, die an violetten Meeren von ihrem Eroberer träumten. Der Alte nahm sie ihm alle und sagte, sie seien nichts wert. Er klagte aus der Tiefe:
„Geh doch und erlöse Gott aus der Gefangenschaft seiner Feinde! Zwinge Satan um Gnade zu flehn! Geh doch und erobere Reiche! Geh doch und mache das Weib zu deiner Kaiserin! Am Ziel erfährst du, nüchtern und ohne Stolz, daß alles größer und schöner war, als du noch träumtest. Das Beste ist geschehen, bevor du die Augen öffnetest; dein Traum hat es vorweggenommen. Er eilt dir voran und führt das Schwert, das du nicht tragen kannst. Du schleichst ihm nach, mit leeren Händen.“
Eine Fledermaus strich durch den finstern Saal und an Lukas’ Wange vorbei. Er hielt sie für des Alten Wort, das ihn anwehte. Er schüttelte sich und lief über den Hof, zum Tor hinaus. Er war schon halb den Hügel hinab, von der traurigen Burg sah er nur noch schiefe, zerrissene Dächer.
Drunten lag im grauen Abend ein weites Feld. Es flog darüber hin wie die Schatten von Dingen, die man nicht sah. In der Höhe bewegten sich schwer geballte Wolken. Eine Herde von winzigen Schafen drängte sich, ängstlich und verlassen, in einen Punkt der Riesenfläche dicht zusammen. Der Hirt saß tief in den Falten seines Mantels auf einem Stein und rührte sich nicht. Kein Hund schlug an, und doch erkannte Lukas genau, wie ein Mann, auf dessen Hut eine Feder stand, ein Lamm ergriff und damit fortrannte.
Sogleich fing auch Lukas zu laufen an. Er drückte sein Schwert gegen die Hüfte und machte große Sätze. „Mag jener die ganze Herde stehlen,“ dachte er, „nur dieses Lamm nicht!“ Ob er ihn einholen würde, bevor der Mann im Walde verschwand? Er stolperte über den unbekannten Boden und schrie unaufhörlich: „Nur dieses nicht! Hörst du, nur dieses nicht!“ Aber der andere erreichte schon die Bäume und Lukas war dreißig Schritte hinter ihm. Er wollte sein Schwert aus der Scheide ziehen: da sprengte ein schwarzer Gepanzerter aus dem Busch und hieb mit der Klinge dem Dieb über den Arm, so daß er das Lamm fallen ließ. Er entfloh kreischend, das Pferd mit dem Gepanzerten verschwand im Dickicht, Lukas stand allein und keuchend vor dem Lamm.
Er hob es auf und trug es langsam und zärtlich in den Wald hinein, zu einer Kapelle, die im Sternenschein auf einer Lichtung stand. Er setzte es vor das Muttergottesbild auf den Altar; und sogleich ward aus dem Kamm ein kleiner Knabe, der lächelnd mit der Linken die Hand der Jungfrau erfaßte. Die Rechte erhob er segnend gegen Lukas, der sich auf die Knie niederließ. „Was ist das?“ dachte er mit gesenktem Haupt, „was habe ich getan? Wer tat es, ich oder der Gepanzerte?“
Er mochte den Knaben nicht mehr ansehen und schlich gebeugt hinaus. Aber draußen richtete die duftende Nacht ihn auf, er ging zwei Stunden, bis die Bäume seltener standen. Dort vernahm er ein gelles Geschrei und gewahrte den schwarzen Gepanzerten, der mit langem Schwert einen grauen Mönch um eine Fichte trieb. Der Mönch umklammerte den Stamm mit beiden Händen und schwenkte sich, die Streiche meidend, blitzschnell im Kreise. Er kreischte: „Gnade! Gnade! Herr, befreit mich von dem Mörder! Seht Ihr nicht, daß es der Teufel selbst ist?“ Lukas stürzte wütend auf den Gepanzerten los, der einen frommen Mann bedrohte. Er rief: „Du warst es also doch, der mir den Dieb verjagte! Du hast mich gehindert, mit meinen Händen das Lamm zu retten!“ Und er stieß ihm seine Waffe ins Gesicht.
Rasselnd sank jener auf den braunen Nadeln zusammen; der Mönch lachte wie eine Ziege. Lukas blickte hin: er war fort, ein scharfer Geruch war übrig geblieben.
Lukas murmelte voll Scham: „Stehe auf, ich bitte dich!“ Der Gepanzerte stützte sich auf ein Knie, er hob seine Hakennase gegen den Mond; aus seiner linken Augenhöhle, die ausgeleert klaffte, floß das Blut breit über seine weiße Wange.
„Du bist müde,“ sagte Lukas, und führte ihm sein Pferd zu. Der andere erwiderte: „Es ist für dich. Du hast gesiegt, ich gehöre dir.“ Und er nötigte Lukas, auf seine eiserne Hand zu steigen, um den hohen Pferderücken zu erreichen.