Da bemerkte ich, daß seine Hände meine Knie umfaßten und daß ich’s gar nicht fühlte; sah seinen Mund auf mich zukommen und empfand nicht seinen Druck; und erkannte, daß ich steinern sei. In mir entstand ein Quell von Tränen, deren keine einzige hinausdurfte, und unter den Tränen antworteten ihm meine Gedanken:

„Es war gut, Timander, daß ich für dich starb.“

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Soll ich herabsteigen? Zu dir, Knabe, der in jeder Nacht, trotz den Wächtern, trotz den eisernen Stacheln sich über die Gartenmauer wagt, um im Geheimem während der Mond um mein Gebüsch her flimmert, zu mir zu beten? Du liebst mich, und mich liebte Timander. Glaube nicht, du seist der erste. Wohl seufzte Mnais, solange sie ihrer süßen Glieder sich freute, umsonst nach des Timander Herzen; seit sie aber als Stein verwittert, fiel ihr seins zu und das anderer Männer und deins. Willst du davon hören? Du, dessen im Monde schmachtendes Gesicht ein wenig dem des Timander gleicht? Vielleicht kennen sich eure Seelen. Ich will dir erzählen, und es wird mir, quäle ich dich ein wenig, scheinen, als quälte ich den Timander.

Kein treuerer Liebhaber hat einer Sterblichen gelebt. Er wachte zu meinen Füßen und schlief im Grase, in das er mich bettete, auf meiner Brust. Nicht ermüdete ihn die Kälte meiner harten Glieder; sondern tief in den unbeweglichen erriet und fühlte er die Schauer von Mnais’ wandelbarer Seele: und doch war sie ihm einstmals nichts als eine scheu und neugierig vorgeneigte Fremde gewesen, eben nur vom Wert der Tonerde, in die sie ihre Hand drückte. Begreifst du’s? Ich nicht. Nur eine mitleidige Lust machte mir der Fall des Stolzen; und glücklicher liebte ich ihn, da ich seiner in meinem Herzen ein wenig spotten, ihn ein wenig verachten durfte.

„Du starbst für mich?“ fragte er und suchte in meinen erblichenen Augen. „Sag’ es mir, meine tote Nymphe!“

Aber ich verschloß mein Herz, damit es nicht denke:

„Es ist gut, Timander, daß ich für dich starb.“

Seine Freunde kamen, seine Herren, und wollten ihn zurückholen. Einst überraschte Crassus ihn, wie er sein Gesicht an Mnais’ Herzen geborgen hatte, trat unhörbar im Grase herbei und schlug ihn. Timander fuhr herum.

„Vor dieser!“ rief er schrill und fuchtelte.