Auf seltene Art aber starb er und schöner als die meisten. Denn als Barbaren uns überfielen, die anderen alle in verzweifelter Gier, die Neigen des letzten Festes noch im Hals, durch Schwerter dahinsanken wie sonst durch Kelche, und um mich her Blut dampfte statt Wollust: da lehnte sich mit ausgebreiteten Armen an Mnais, die ein Wilder bedrohte, Timander — und ließ sich durchbohren und vergoß sein Blut über Mnais Timander. Bist du zurückgekehrt, Timander? Stehst vor meinem Gebüsch, um das der Mond flimmert? Lange erwarte ich dich. Timander, ich habe dich lieb, und es war gut, daß ich für dich starb!

Nicht lieblich waren, seit du mir entschwandest, meine Tage. Ich ward übers Meer gefahren und trauerte in einer Ebene unter den Resten von meines Herrn Reichtümern, versank, indes ich meinen Bauch verwittern und meine Hüften rauh und grün werden sah, Zoll um Zoll in Gras und Sand. Ein Mensch in einer braunen Toga, mit einem Strick um den Leib, zog mich hervor, und als er viele seinesgleichen herbeigeholt hatte, betrachteten sie mich mit gierigem Haß, schmähten und steinigten mich. Dann berieten sie, zerrten mich in eine Stadt unter viel Volk, hängten mich in Ketten auf und lasen mir mein Urteil von Pergamenten. Die Zauberin Diana nannten sie mich. Der mich hervorgezogen hatte, ein abgezehrter Junger, war der Vergiftetste, in seiner Bosheit Häßlichste. Er zerbrach meinen Arm. Des Nachts aber, in die einsame Grube, wohinein sie mich geworfen hatten, brachte er mir meinen Arm zurück, küßte mich und legte sich, mit den Zähnen klappernd, zu mir . . . Aber jenes Volk behauptete, ich sei sein Unglück, und es trug mich auf das Gebiet seiner Nachbarn und scharrte mich darin ein.

Wie lange wohl meine lieben Augen begraben geblieben sind? Als wieder die Erde von ihnen abfiel, erblickte ich sehr bunte, laute Menschen, und ihr Herr, Einer im goldenen Brustpanzer mit einer schreienden Medusa darauf, umarmte mich und rief lärmend, er wolle sich mir vermählen. Wo wir vorbeikamen, waren Altäre erbaut, kniete Volk und schwangen erzene Klänge durch die Luft. In einem Saal, beim Mahl, wo es nach ganzen Schweinen stank, die vergoldet waren, dachte ich der weißen Säulen des Faustus, zwischen denen einst Weihrauchkreise zu mir aufstiegen, und des gemessenen Crassus und des anmutigen Timander — und Verachtung entrückte mich diesen, die mich lieben wollten.

Sie starben; und andere führten die Nymphe, die Diana, die Waldfrau oder Aphrodite in ihre Galerien, ihre Gärten, maßen sie durch Gläser, zeichneten sie, verkauften sie und schwärmten sie an; — und immer war’s doch nur Mnais, eine Hirtin, die scheu und demütig sich über die Hand des Timander beugt, des Jünglings, den sie lieben wird.

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Soll ich herabsteigen? Würdest du sehr erschrecken, wenn ich’s täte? Ach, der Mond verrinnt; schon bespült er nur noch den Rand der runden Steinbank um mich her, und meiner Nische und des Gebüsches, das von Morgenluft zu rascheln beginnt. Gähnend würde der Wächter nahen, würde uns überraschen und dich fangen, Knabe. Drum flieh, eh’ es Tag ist, damit du zur Nacht wiederkommen kannst. Mnais erwartet dich. O, sie fürchtet nicht, daß du ausbleibst. Von der Art des Timander bist du, und nicht wird ein Mädchen, das noch seiner warmen Glieder sich freut, dich mir wegnehmen. Deiner toten Nymphe gehörst du. Laß immerhin deinen liebenden Atem meine kalten Glieder bestreichen. . . . Aber du hörst mich wohl nicht mehr? Erstirbt schon, da die Vögel erwachen, meine Stimme? Schon zweifelst du wohl, daß ich’s war, die so lange zu dir sprach? Aber ich war’s, Mnais, eine sizilische Hirtin, die den Timander liebte, die er liebte, und die von vielen geliebt ward. Hörst du? Aglaë, die Flötenspielerin, spottete einst, als wir, noch unerwachsen, unserer Väter Schafe hüteten, meiner zu schmalen Glieder, meines langen Halse. Längst ist sie bei den Schatten; Mnais aber liebst du, Knabe. Soll ich herabsteigen? Nein, flieh, lebe wohl, setze behutsam die Sohlen auf den Kies; — und eilst du an der schrägen Wiese vorbei, auf der in den geröteten Himmel Pegasus die Flügel breitet, dann hüte dich, ihm zu nahe zu kommen, damit er dich nicht ergreift und mit sich reißt. Denn dies ist die Stunde, da er auffliegt.

Ginevra degli Amieri

I.

Ich bin erwacht und fürchte mich fast, die Augen zu öffnen, und fühle ein fremdes, weites Dunkel um mich her. Messer Faustos Atem? Nichts — nur eine betäubende Stille, wie der lange Nachhall langsamer, unhörbarer Schritte . . . Warum sind meine Hände gefaltet? Ich schlafe nie auf dem Rücken und mit gefalteten Händen. Leise die Lider gelöst: das Fenster bei meinem Bett, es ist fort. Wo bin ich!

Das, worauf ich gelegen habe, ist umgefallen, wie ich so hastig aufsprang. Was ist es? Kein Bett: eine Bahre! . . . Die Ungeheuer! Sie erheben sich grau aus der Nacht und blicken von Turmhöhe aus weißen Augen. Ach, es sind Pfeiler, und aus langen Fenstern kommen eckige, weiße Stücke Mondes darauf. Hilf Himmel, ich bin im Dom! Und bin, nun weiß ich’s wieder, gestorben!