. . . Es klirrte etwas, deucht mich, als ich vor Schrecken nochmals auf die Bahre sank. Meine Spangen! Aber es sind nur die mit den Amethysten. Er hat sich gehütet, mir die anderen mitzugeben, die mit den Karfunkeln. Habe ich etwa mein Kreuz am Hals? Nein! Das große Edelsteinkreuz! Das ist zu stark! Ich will . . . Jesus, ich bin im Zorn ausgeschritten und wage mich nun nicht mehr zurück. Wie ich mich fürchte! Ich hätte nie gedacht, ich würde zu diesen Toten gehören — die wiederkehren, Einen Schritt noch, Ginevra? Hilfe! . . . Eine Gestalt, ich sah sie deutlich, flog durch die Luft auf mich zu . . . Nein, es ist der Kruzifixus an der Kanzel; und er hält ganz still. Nur die Dunkelheit bewegt alles.

Aber die Kniee sind mir unsicher geworden; ich will mich setzen, unter seine gekreuzten Füße, auf das Ende der Bank.

Ich habe, was mir geschieht, verdient, o Herr. Das ist wohl wahr; denn ich lästerte dich! Aber gib auch du zu, die Liebe ist hart! Warum mußte ich Raniero lieben, da es doch Sünde und ganz unnütz war? Du weißt, auch wenn du mich am Leben gelassen hättest, ich würde mich doch ihm nie gewährt haben. Obwohl andere dergleichen tun: und du strafst sie weniger schwer als mich, die so tugendhaft war . . . Willst du mir wohl sagen, was dies alles sollte?

Ich warte.

Im irdischen Leben heißt’s immer: Das werden wir jenseits erfahren; und: Darüber reden wir droben. Nun sprich! . . . Ich wußte wohl, du würdest nichts vorbringen können zu deiner Rechtfertigung. Du hast mir zu viel auferlegt, du darfst dich nicht wundern, daß ich versagte. Hatte ich doch genug an Messer Fausto, meinem Mann, und seinen Schlägen, und daß er mir meine Tugend nicht glaubte! Immer: „Du liebst ihn!“ Ich sagte: „Nein! Schlage mich, aber ich liebe ihn nicht!“ Wäre das Nein wenigstens die Wahrheit gewesen! Leider war es Ja . . . Er darauf: „Mich liebst du auch nicht! Was liebst du denn?“ Und ich: „Ich liebe dich, wie ich es dir schulde, — und liebe auch die Stirnkettchen, die Messer Ugos hübscher Sohn verfertigt.“ „Ihn, den Sohn liebst du!“ „Nein! Ich habe ihn niemals gesehen!“ Und so war es. Aber ich hatte mit Absicht von Messer Ugos Sohn gesprochen, verführt durch einen seltsamen Kitzel, weil ich wußte, nun werde Messer Fausto mich nochmals schlagen. Denn er schlug mich, sobald ich nur den Namen irgendeines Mannes aussprach. Warum aber tat ich es, mußte es tun, und drängte mich heran zum Schmerz? Das erkläre, Herr, warum du so viel Leiden bestimmtest für eine Unschuldige!

„Ich will dir die Ketten für die Stirn kaufen,“ sagte Messer Fausto, als er vom Schlagen müde war. „Damit du mir keine Hörner daransetzest. Du mußt gerecht sein: ich tue, was ich kann.“ Ich antwortete: „Gewiß. Ich werde es niemals tun.“ Und ich wollte es auch nicht. Damit in der Frühe, wenn ich zur Heiligsten Annunziata ging, die Madonna Eletta den Finger ausstreckte und sagte: „Seht die Heuchlerin! Sie hat mich mit dem Gino ins Gerede gebracht, und sie selbst schläft mit dem Raniero!“ — Es ist schon wahr, daß ich es von ihr gar nicht wußte. Aber was wußte denn sie von mir? Und redete doch, hinter meinem Rücken. Wäre es wahr gewesen, was sie sagte, ich hätte mich so schwarz gefühlt wie die Mohrin hinter mir, Herr, die meinen Gobbo, den Papagei, trug. So aber hing mein Brokat (und um den beneidete sie mich doch nur) über den Malen, die mein Mann mir geschlagen hatte, und ich war eine Gerechte. Und Don Vinante, mein Beichtvater, wußte es wohl, und außer Messer Fausto, meinem Mann, den die Eifersucht irr machte, zweifelte keiner an meiner Tugend, und allen, die sündigten, durfte ich mitten ins Gesicht sehen. Und wenn Raniero im Hof der Kirche stand und falsche Seufzer ausstieß, ging ich hoch vorbei, den Blick gradaus, und hatte einen großen, starren Genuß: „Du wirst dennoch nie erfahren, daß ich dich liebe! Die Liebe ist hart; aber ich bleibe standhaft, du gewinnst nichts. Du bist böse, bist dazu eingesetzt, mich zu verderben. Ich hasse dich! . . . Ja, das dachte ich, o Herr. War das nicht recht und löblich?

Zu Hause mußte ich mich dann wieder sehr quälen. Warum? Heißt das gerecht? Für so viel guten Willen? Ich nahm meine große Puppe aus der Truhe und drückte sie ans Herz. „Verzeih,“ sagte ich zu ihr, „daß ich dich schon zwei Jahre nicht mehr ansah!“ Du weißt, Herr, ich hatte sie noch nicht zwei Jahre weggelegt; und sie war vom Fest in Venedig und war mitten auf der Piazza ausgestellt gewesen in der Tracht, wonach alle Frauen das ganze Jahr sich richten sollten. Mein Vater besuchte gerade die Filiale seiner Bank, und er kaufte die große Puppe für eine Menge Geld. Ich machte alle Mädchen neidisch mit ihr und liebte sie darum sehr . . . Nun aber war alles anders, an die neidischen Mädchen dachte ich nicht mehr; wie ich die Puppe an mich zog, fühlte ich’s, als würfe sie mir beide Arme um den Hals; mir ward ganz heiß, ich herzte sie immer und sagte: „Du kommst nicht aus Venedig vom Markt, du sollst von Raniero kommen! Ich habe dich von ihm, du bist sein Kind, hörst du, das will ich, das soll sein!“ Und dann sprang die Angst vor der Sünde in mir auf, und ich warf die Puppe mit dem Gesicht auf die Erde, und mich mit dem Gesicht aufs Bett, daß wir einander nicht mehr sähen, und jammerte in das Kissen hinein: „Nein, ich will nicht, ich will kein Kind von ihm!“ Und klagte bis in die Nacht. Und Messer Fausto, mein Mann, kam und schlug mich wieder — und hatte auch recht. Ich schrie wohl, damit er aufhörte: „Warum haben wir keine Kinder!“ Aber ich wußte doch, das sei Gottes Sache.

Was sollte ich tun? Muß man denn einen Menschen lieben, wie diesen Raniero? Einen gewöhnlichen Angestellten in der Bank meines Vaters. Einen, der die Geschäfte versäumt, auf den Wiesen am Mugnone im Grase steht, stundenlang, wie ein Storch, und dann, ganz blaß, bis vor mein Haus schleicht? Einen, der schon längst fortgeschickt wäre, wenn ich nicht für ihn gebeten hätte, oder vielmehr für die alte Mutter, die von ihm lebt. Denn das tat ich, Herr, und war es nicht fromm und barmherzig von mir, für meinen Feind zu bitten? Nun erkläre mir aber: wenn mein Bruder sich so anstellen würde in unserem Bankhaus, ich würde ihn verachten! Und diesen muß ich lieben! Soll er doch verdienen und eine Frau nehmen, wie es sich geziemt. Aber auf mich hat er es abgesehen! Und fordert meinen Mann zum Zweikampf heraus. Denn das hat er getan, Herr, und es ist eine solche Albernheit, daß sogar du gelacht haben mußt: wenn du Art und Figur Messer Faustos bedenkst.

Und dann hat er ihn auch noch verschont! Herr, du magst sagen, was du willst, aber es ist natürlich, daß ich wünschte, nun möchte es einmal um sein. Messer Fausto hatte mich blau geschlagen; ich wünschte, mögen sie sich gegenseitig umbringen. Dann aber: Nein, nur Raniero! Denn ich kann es dir schwören, Herr, bei deinen eigenen Wunden: nicht Messer Fausto wollte ich tot sehen! Er kam auch zurück; es war nichts geschehen; und ich kriegte Ohrgehänge und eine Straußenfeder mit lauter Edelsteinen geziert, die konnte ich zur Kirche tragen. Aber alle wußten schon, wenn sie meine Geschenke erblickten, dann war ich geschlagen worden . . . Und da dachte ich, das ist wahr: Warum hat Raniero nicht lieber zwei Kerle geschickt, die ihn anfallen? Und ich habe sogar den Don Vinante beredet, daß er in seiner Unschuld etwas angerichtet hat, daß Messer Fausto vor San Frediano hinaus mußte. Und das ließ ich dem Raniero berichten durch einen Bettler, der nicht sagen durfte, wer ihn schickte, und ließ ihn in verdeckten Worten zu einem Streich auffordern.

Da sieh nun, Herr, wie weit du es mit mir getrieben hast! Eine Gattenmörderin und auf dem Rade, so hätte ich enden können! Wenn ich nicht deine Mutter angefleht hätte, als Messer Fausto vor der Stadt und in Leibesgefahr war: die hat das Schlimmste verhütet. Ich aber schwur damals in der Not, es möge daraus werden, was immer, Schande und Tod: — ich wolle doch, so lange ich lebe, dem Raniero nicht angehören. „Die Liebe hat mich so elend gemacht; ich will mich an ihr rächen!“ Ich war von Sinnen, und die beiden Tauben, die vor meinem Fenster einander liebkosten, die ergriff und erwürgte ich! Und als ich’s tat fühlte ich meine eigene Kehle unsichtbar umklammert und schloß die Augen und mußte mich an die Fensterbank stützen, ich wäre sonst umgefallen.