„Das hoffe ich nicht. Ich möchte eine Menge Anhänger und Verehrer haben.“
„Die nicht ahnen werden, wem sie anhängen und was sie verehren . . . Waren Sie einmal dabei, wie auf einer Variétébühne eine Frau in der Tracht ihres weitentfernten Landes ihre heimischen Tänze tanzte, und mit fremdartigen Ausrufen sich selbst anfeuerte? Man klatscht, weil sie schön ist und ihre Röcke aufflattern läßt: weiter versteht man nichts von ihr. Ihr Auftreten und ihre Bewegungen geschehen nach Antrieben und Regeln, die siebenhundert Meilen weit wegliegen; geschehen unerbittlich und in völliger Einsamkeit . . . Ganz oben, werden Sie vielleicht erfahren, ergeht es dem Künstler wieder so, wie dort ganz unten. Ja, seine Heimat liegt noch viel weiter fort von den Hörern: in seinen Gesichten, seinen Klängen, in Ländern, denen nur innere Sonnen scheinen . . .“
„Sehen Sie doch! Was macht denn der alte Baron? Jetzt legt er eine Leiter von seinem Baum auf den nächsten und rutscht hinüber . . . Er steigt höher; sind denn überall Treppen zwischen den Ästen? und schiebt die Leiter einen weiter. Himmel! Fast wär’ er gefallen: er hängt am Ast wie ein Affe . . . Die Tini lacht ihn aus. Was will sie denn, ganz heißgelaufen? Ah, an den Briefkasten. Nichts drin: auch gut. Schon ist sie fort, und Baron Utting steckt wieder tief im Laub . . .“
„Ich weiß nicht, ob ich bitten darf . . . Man darf darum nicht leichthin bitten . . . Möchten Sie nicht singen?“
„Mit Freuden! Hätten Sie mich nicht aufgefordert, würde ich’s von selbst getan haben. Gehen wir? Wie jetzt der Garten voll Sonne ist!“
Sie streckte sich und tat ein paar tiefe Atemzüge aus der wilden, klingenden Luft, die über all dies Land und bis in ihre Brust stürmte, wie die Freiheit selbst. Sie würde der Freiheit froh werden, kraft ihres Gesanges; würde über allen Ärmlichkeiten schweben und singend selbst den Menschen die Lust der klingenden Weiten eingießen, wie ihr der Wind. Was vermochte alles andere? Was meinte dieser Traurige? Seine Enttäuschung war ihr ein Stachel mehr, — wie bei denen, die sich einer Menge vorführen, der Erfolg des einen erhöht wird durch des andern Unglück. Die Frau, von der er gesprochen hatte, die in klirrender Tracht über eine Bühne tollte! Jawohl, solch einen Rhythmus fühlte jetzt Lola in sich. Kunst und Leben, beides im Triumph! Kunst und Feste!
Sie kam ins Laufen, rief laufend ins Haus:
„Mai!“
Mai wagte sich nicht in den Wind hinaus; sie hatte das Wettermännchen von der Wand gehoben und es kaputt gemacht, hatte immer noch einmal vom Honig geschleckt, am Fenster ein wenig geseufzt und von neuem mit der Schleppe ihres Morgenkleides den Staub aus den Ecken gefegt.
„Ja, ich werde dich begleiten; und Sie, mein Herr, werden sehen, was für eine Künstlerin sie ist!“