Gegen die Liebe in ihr vermochte das alles nichts; nur die Last dieser Liebe konnte es vermehren. Ihr Wachstum war nicht mehr aufzuhalten. Kein Tag, der ihr nicht Nahrung gab. Noch mit der Verachtung des Geliebten nährte sie sich!

Und ihr Dasein glich jetzt ganz jenem Spaziergang, die letzte Nacht in Deutschland, als sie in die Luft schlug, aus blinder Angst vor seiner Berührung. Immer war sie in Angst, sich zu verraten: mochten ihre Worte noch so gehalten sein, sich mit Blicken zu verraten, wie die Bernabei, mit einer Betonung, die ihr, sie merkte es, ausglitt, mit einer Bewegung, die entschlüpfte. Stand ihr nicht der Traum der vergangenen Nacht noch in den Augen, als sie sich, einen steilen Weg hinab, fest auf ihn gestützt und sich abgespannt und genesen gefühlt hatte? Konnte er nicht in sie hineinsehen? Drang nicht ihre Leidenschaft ihr durch die Haut? Sie drang doch bei allen durch, so lang die Terrasse war, so viele Menschen hier gehäuft saßen, so viele Gesichter sich aufeinander zuneigten, so viele Hände nacheinander tasteten. Lola sah jetzt dies alles und fühlte es, ohne hinzusehen. Ein neuer Sinn war ihr gekommen für den Strom, der um diese Tische und durch diese Menschen lief und von dem der Blick jedes Mannes und jeder Frau, die sich ansahen, dieses ironisch gedämpfte Einverständnis empfing. Sie fragte nicht mehr, warum hier zwischen Frauen und Männern kein Gespräch über irgend eine draußen liegende Sache aufkam. Sie selbst konnte nur noch darauflos schwatzen, schlaff lachen und, nun Nutini ihr den Hof machte, sinnlos herausfordernd an seinen Augen haften. Dazwischen empörte sie sich gegen ihren Zustand, begriff nicht, wie er hereingebrochen sei, schrieb ihn dem Scirocco zu, der einem den Atem nahm, einen gedankenlos, matt und nach Schauern gierig machte. Man zog die Mahlzeiten hin, trank, rauchte, — und wenn man die heiße, schlaffe Hand über das Geländer hängte, traf Regen sie, der nicht kühlte. Die Gerüche dieser eleganten Menge standen still in der Luft. Das Meer sandte bleierne Reflexe. Die Blicke erschienen fiebrig, die Gesichter fahl, gedunsen und von aufstachelnder Zerrüttung.

Lola fand jetzt viele beneidenswert schön. Manche dieser Frauen schminkten sich Masken wie Kokotten. Man mußte das herausbekommen. Man mußte ihren lauten Chic erlernen. Sie probierte des Nachts. Mai, sah sie, hatte täglich breitere Kohleränder. Wenn sie zusammen die Terrasse betraten und von der Bernabei und den anderen gemessen wurden, spürte Lola von weitem den Erfolg. Mais dunkle, weiche Schönheit und Lolas herbere blonde Eleganz hoben einander. Sie sprachen unter sich kaum ein Wort, sie hielten beim Ankleiden die Tür zwischen sich geschlossen, gaben sich keinen Rat mehr: — am Fuß der Treppe aber blieb Mai stehen, um Lola an ihre Seite zu nehmen; und am Strande legten sie einander die Hand in den Arm und lachten sich zu.

„Wir sind eigentlich wie ein Paar Abenteurerinnen,“ dachte Lola. „Wer uns nicht kennt —.“ Mit der Wucht des Schreckens vertiefte sie sich dahinein. „Wir sind immer, ohne irgendwo hinzugehören, durch Europa gezogen, haben nur an Plätzen gelebt, wo sich Abenteuer finden lassen, — und haben wir keine gefunden? Womit habe ich, wenn ich die Branzilla abziehe, meine Zeit verbracht? Auch hatten wir nur unregelmäßig Geld . . .“ Und da hatte sie ihr Dasein umgesehen, verstand sich, sehr befremdet, auf einmal ganz anders. „Ich bin es! Ich bin eine Abenteurerin! . . . Die anderen, die es sind, wissen es vielleicht auch nicht. Man merkt das wohl selbst erst, wenn die Leute es schon längst sehen . . .“

Sie wehrte sich: „Ich habe doch so viel gelesen; durch meinen Kopf, der jetzt wohl leer ist, sind doch Gedanken gegangen, wie gewiß niemals durch diese Köpfe hier. Wenn ich jetzt in diese Gesellschaft gehöre, — noch vor kurzem war ich doch mit ganz anderen Menschen fast verwandt. Wie war mir zumut, als ich mit Arnold war? Alles war anders. Frauen, wie diese, die ich jetzt nachahme, hätten mich gedemütigt durch ihre bloße Gegenwart.“ Dann: „Aber vorher war ich mit Da Silva. Auch das habe ich in mir. Und das bricht jedesmal mehr durch. Jetzt bin ich hier und bin so.“

Einen halben Tag lag sie gelähmt von ihren Entdeckungen; und als sie aufstand, hatte ihre Rolle einen tragischen Sinn bekommen. Wie Mai, die nichts ahnte, es kläglich gut hatte! Für sie war, sobald Paolo einmal wieder ein paar tausend Francs schickte, alles in Ordnung. Man mußte sanfter mit ihr sein . . . Beim Anblick der Bernabei schnellte in ihr ein Stolz auf, der sie erschütterte. „Diese Frau,“ dachte sie, „wird sich mir vorstellen! Sie wird in das Palais der Contessa Pardi kommen und sich ihr vorstellen!“ Sie ließ kein Erstaunen über den Einfall in sich aufkommen. „Ah! Diese Leute halten mich für eine Abenteurerin. Der Geliebte solcher Weltdame hat nebenher noch eine etwas verdächtige Bekanntschaft, die er in die Gesellschaft nicht einführen kann. Denn er hält mich von ihnen getrennt, er behandelt mich wie eine Kokotte. Aber sie sollen sehen! Er soll sehen!“

Sie verachtete diese Menschen! Und dabei gab die Aufgabe, sich unter ihnen Platz zu machen, ihr Begeisterung. Nun wußte sie sich wieder unangreifbar, suchte keinen Schutz mehr vor Pardi, nahm ihn sogar mit auf ihre einsamen Spazierwege.

„Nicht in den langweiligen Wald, bitte: nach den Bergen zu.“

„Es wird sehr heiß sein — und weit.“

„Sie sehen ganz nahe aus, und droben geht gewiß Wind.“