Da die Mutter nicht mehr lebte und eine Magd nicht gehalten werden konnte, hatte Steffen sich gewöhnen müssen, das innere Hauswesen zu besorgen. Er war eine arbeitsame, ruhige und geduldige Natur, die sich bei aller Schwerfälligkeit doch in jede Arbeit zu schicken wußte und alle Mühe und Last als etwas durchaus Selbstverständliches auf sich nahm. Er kochte und wusch, fegte und räumte, melkte und butterte beinah so geschickt wie die Mutter selbst, der er schon in den letzten Jahren ihres Lebens in den häuslichen Dingen ein treuer Gehilfe gewesen war. Er verstand überdies tapfer zu flicken, sogar Schuhe mit neuen Riestern und Sohlen zu versehen, und da die Einkünfte des Hofes größtenteils für die Meiergefälle und für „sonstige Prästationen“ aufgewandt werden mußten, waren diese kleinen Künste nicht gering zu veranschlagen.
Ein eigentümlicher „Krauter“, dieser Steffen! In seiner Gestalt von gut hainbuchenartigem Gepräge, kurz, steif und steifhaarig, mit eigentümlich blöde blickenden grauen Augen, hellborstigen Backen und einer kurzen Sattelnase, machte er gewöhnlich auch in geistiger Hinsicht den Eindruck etwas zu kurzen Wachstums. Doch war es in Wirklichkeit gar nicht so kurz, was sich namentlich dann offenbarte, wenn er einmal „einen Kleinen sitzen hatte“. Und das war gewöhnlich bei den gesellschaftlichen Gemeindehantierungen der Fall, beim Streuen von Maulwurfshaufen auf dem Pfingstanger, beim Heckenhauen, Weidenköpfen, Angerhüten und dergleichen. Dann erwies sich stets, daß er manches wußte, was andre eben zum ersten Male hörten, daß er z. B. nicht nur den Wicken-Thies[3] gut kannte, sondern auch in der Bibel genau Bescheid wußte. Die Leute pflegten daher zu sagen: „Der Steffen ist ’n Kujon und hat mehr Witz in der kleinen Zehe, als mancher Amman in seinem großen Kopfe.“
Sobald aber der „Kleine“ verraucht war, schien es Steffen ähnlich zu ergehen wie jener eigenartigen Blume in Drewes Garten, die ihren Kopf zuschloß, sobald die Sonne hinter den Siebenbergen hinabrutschte. Er war sich der Unzulänglichkeit seiner Natur auch selbst wohl bewußt, pflegte sich darum am liebsten ganz abseits zu halten und die äußeren Angelegenheiten des Hofes von seinem jüngeren Bruder besorgen zu lassen, der weltsinniger als er geartet war, in seiner Gestalt auch mehr der schlanken, glatten Rotbuche als der kurzen, struppigen Hainbuche glich.
Solange der Vater noch rüstig auf den Beinen stand, war es ausschließlich seine Sorge gewesen, daß der Meierzins rechtzeitig zum Hofherrn nach Bodenburg kam. Dreißig Jahre lang hatte er ihn selber hingetragen; im letzten Jahre aber war ihm das Gehen bereits so schwer gefallen, daß er die Gamaschen wieder abknöpfte und seinen Ältesten mit dem Gange betraute. Es war ihm fast wie eine bittere Entsagung vorgekommen; man konnte ihn gar seufzen hören: „Ein Gang, den der Mensch seit dreißig Jahren ununterbrochen gemacht hat, wird einem schließlich zur Natur, auch wenn einer auf diesem Gange aller Mühe Preis von dannen tragen muß.“
Jetzt hatte Vater Oelkers sich darein gefunden und bereits angeordnet, daß Steffen auch am kommenden Martinstage den Zins nach Bodenburg tragen solle, um bei der Gelegenheit dann sogleich den Hof für sich zu meiern.
Steffen hatte eben das aufgeraffte Stroh bei den Füßen des Vaters unter den Unterpfühl gesteckt und ging mit sachtem, aber dennoch dröhnendem Schritt nach der Tür, die auf die Küchentreppe hinausführte.
„Junge,“ rief der Alte, „steck erst den Krüsel an und dann setze dich mal ’n Augenblick daher. Ich habe mit dir was zu reden; denn ich glaube, ich werde den nächsten Martinstag nicht mehr erleben.“
Steffen ging ohne ein Wort in die Stube zurück, griff nach dem Ölkrüsel an der Zahnstange, die in der Nähe des Lehmofens vom Balken herabhing, nahm Zunder, Stahl und Stein vom Wandbrette über dem Ofen und „pinkte“ so lange, bis der Zunder fing. Den brennenden Krüsel, der ein bräunliches Dämmerlicht in der Stube verbreitete, hing er wieder an die Stange; dann rückte er einen Holzschemel an das Bett und setzte sich darauf.
Die blassen Knochenhände griffen wie in krampfartigem Schmerz in den buntgestreiften Leinewandüberzug der Decke, und über das tief in den Kissen liegende hohläugige Gesicht, dessen untere Hälfte von weißen Haarstoppeln starrte, ging ein schmerzvolles Zerren und Ziehen.
„Es dauert nicht so lange mehr, als unser Heiland Jesus Christus in der Erde lag — dann liege ich auf dem Stroh,“ stöhnte der Alte.