Hustend antwortete Marten, indem er an Steffen vorbei sah: „Der gnädige Herr war wie ein Teufel und wollte mich umbringen, als ich von dir anfing und ’n gutes Wort für dich einlegte. ‚Nichts mehr von dem!‚ schrie er mich an. Der taugt nicht für den Hof, das ist ein Träumer, ein Döskopf, der würde mir nur alle Jahre denselben Ärger machen, der muß an den Schandpfahl ...“

Steffen keuchte und lehnte sich mit der Stirn gegen die Kaminwand.

„Ich blieb aber lange stehen,“ fuhr Marten gleichmäßigen Tones fort, „und sagte: Herr Baron werden verzeihen, es ist doch mein Bruder. — Ja, genau so sagte ich. Da pfiff er zwei riesige Hunde herbei, die ganz blutrote Augen hatten, und prophezeite mir: ‚Sollte dein Bruder sich unterstehen, mir wieder unter die Augen zu kommen, sollen ihn diese beiden da ’n Galopp lehren, den er in seinem ganzen Leben noch nicht gelaufen ist.‘“

Aufheulend krümmte sich Steffen auf die Lehne. „Gibt’s keinen Gott im Himmel, wenn keine Gerechtigkeit auf Erden ist?“ Und er stampfte die Treppe, daß es dröhnend durchs Haus ging.

Marten nahm Brot und Wurst in die Hand und aß.

„Was wird denn aus mir und meinem Bruder? fragte ich den Herrn in meiner Angst und Not,“ fuhr er in seinem grausamen Berichte fort.

„Ja, was wird nun aus uns?“ fiel Steffen keuchend ein und kratzte sich an dem Kamin die Finger wund.

Marten zögerte einen Augenblick und blinzelte nach dem Ächzenden hinauf; dann begann er wieder: „Da sagte der Herr: ‚Das kümmert mich den Teufel nicht! Ich habe gute Leute genug, denen ich den Hof geben kann.‘ — Und da ich dem Herrn nun auch zu Füßen fiel, ihn an unsere Väter erinnerte und wie sie sich niemals hätten ’was zu schulden kommen lassen, daß er darum doch gnädig verfahren möchte mit ihrem Sohne — ich meinte natürlich mit dir, meinem Bruder — da schien sich der Herr auf einmal zu besinnen, er pfiff ’ne Weile vor sich hin, sprach leise mit dem Rentmeister und sagte ganz plötzlich zu mir: ‚Du bist ja auch ein Oelkers-Sohn‘. — Ja, so sagte er. Darauf tat er einen tiefen Griff in den Sack, ließ das Korn langsam durch seine Finger fallen und sagte: ‚Das Korn ist recht,‘ — sagte er. Ja. Hierauf sah er mich wieder an und wiederholte: ‚Du bist ja auch ein Oelkers-Sohn!‘ Und dann ging er mit großen Schritten hin und her, und auf einmal blieb er dicht vor mir stehen und fragte: ‚Kannst du den Meierbrief bezahlen?‘ Ja, sagte ich, ohne an ’was zu denken — und da ich das Geld zufällig bei mir hatte, so kriegte ich’s gleich ’raus und zählte es dem Herrn vor und sagte: Das wollte ich gleich da lassen, wenn er mir den Meierbrief für dich mitgeben wollte .... für dich, sagte ich natürlich ...“

Steffen richtete sich mit einem Ruck auf, spreizte die Hand gegen den Kamin und sah groß aufgerissenen Auges auf den Bruder herab, der nun Messer und Brot hinlegte und seinen Bericht mit allerhand entschuldigenden und beruhigenden Gesten vollendete: „‚Gut‘, sagte hierauf der Herr, ‚ich will nicht hart sein, ich will euch den Hof lassen, ihn aber nicht deinem Bruder, sondern dir vermeiern‘ ... Ja, so sagte er. Na, da kannste denken, Bruder“ ...

Er konnte nicht weiter reden, denn ein fürchterlicher Schrei gellte zu ihm herab. Schwankend und bebend, mit beiden Händen nach einem Halt in der Luft suchend, stand Steffen auf der Treppe.