Die Leute ahnten wohl, daß etwas Ungehöriges vorgekommen sein müsse, daß der geriebene Marten seinen Bruder übervorteilt und hintergangen haben könne, vermochten aber vor Martens geschickten Ausreden und bestimmten Erklärungen keine feste Meinung zu fassen. Schließlich beruhigte man sich damit, daß Steffen eben doch ein etwas sonderbarer, stilldenkerischer Kauz wäre, bei dem niemand recht wissen könne, was ihm eigentlich in die Krone gefahren sei.

Von Meister Drewes war ebensowenig etwas Rechtes zu erfahren; wurde er doch ganz gegen seine Natur schon bei der leisesten Frage derartig aufgebracht, daß man wohl oder übel auf ein weiteres Kundschaften verzichtete. Man konnte nicht einmal herausfinden, ob sich seine Aufgebrachtheit mehr gegen Marten oder gegen Steffen richtete.

Drewes hatte sich nach Steffens unerklärlichem Verschwinden völlig verändert, polterte den ganzen Tag in der Werkstatt herum, schalt auf das schlechte Holz, mit dem er angeführt sei, schalt auf die schlechte Jugend von „heutzutage“, der die Haare schon in den Naslöchern wüchsen. Obwohl ganz allein in der Werkstatt, hörte sich’s doch an, als befände sich ein ganzer Haufe Leute darin, von denen jeder einzelne ihm noch einen besonderen Ärger bereitete.

Sophie hatte von ihrem Vater kaum in Jahren einmal ein böses Wort gehört; jetzt verging fast kein Tag, ja keine Stunde, daß er sie nicht einmal grob anfuhr. Es war freilich unschwer zu merken, daß ihm jedes grobe Wort gegen seine Tochter wie ein harter Schlag auf das eigene Herz fiel; aber wenn ihm so seine Grobheit fühlbar wurde, dann — pflegte er meistens erst recht grob zu werden.

Als Marten nach einigen Wochen des Zauderns zum ersten Male wieder in die Werkstattstube trat, mit dem Vorwande, daß er zum Frühjahr eines neuen Polterbretts an den Pflug bedürfe, warf Meister Drewes Bretter und Blöcke, Säge und Hobel durcheinander und rief dunkelroten Gesichts: „Meinetwegen kannste dir das Polterbrett auf ’m Blocksberge machen lassen!“

„Kann ich auch,“ entgegnete der Bursche kurz und wandte sich gekränkt nach der Tür.

Da sah ihm der Alte gerade ins Gesicht. „Du bist ja — du bist ja noch viel schlimmer als Jakob — du bist ja ein Kain — — ein Kain biste ja!“ Er raffte Bretter und Blöcke, Säge und Hobel wieder auf und warf sie abermals durcheinander, während die am Spinnrade sitzende Frau, den Kopf ein wenig über das Rad geneigt, ruhig weiter spann und kein Wort dazu sagte.

„Weißt du auch,“ wandte Drewes sich abermals an den noch unentschlossen dastehenden Burschen, „weißt du auch die Frage, die Gott der Herr, der Allwissende und Allgerechte, an Kain richtete? Wo ist dein Bruder Abel? fragte der Herr — — und ich frage dich: Wo ist dein Bruder Steffen?“ —

„Wenn Ihr so fragt, Drewes Vetter, muß ich auch antworten wie Kain antwortete: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ entgegnete Marten mit herausfordernder Gemächlichkeit, während seine Finger einen Hobelspan zerdrückten.

Drewes warf ein Brett auf die Hobelbank und fing ein Hobeln an, daß das ganze Haus dröhnte.