„Laß mich in Frieden mit deinem dummen Aberglauben!“ fuhr Marten sie an.

Sie lächelte eigen und nickte und rief wieder: „Mußt nur ’mal aufpassen, Junge. Von twelwe bet einen sind alle Geister te Beinen.“

Er machte eine abwehrende Geste und schritt hastig seinem Hofe zu, laut begrüßt von einem Gänsepaare, das am Tore stand, als hätte es schon auf ihn gewartet.

Mutterseelenallein hauste er den Winter hindurch auf seinem Anwesen. Weder sah man Sophie ferner herüberkommen, noch ihn auch nur einmal wieder hinüber gehen. Als wäre der Weg hinüber und herüber hundert Meilen weit geworden.

Um den unbequemen Fragen nach dem verschwundenen Bruder auszuweichen, mied er jeglichen Verkehr, ging er nur notgedrungen einmal ins Dorf. Hielt er sich aber auch von Drewes’ Hause hinfort völlig fern, so pflegte er doch gar manchesmal vom Dach aus, wo er eine Strohdocke hob, durch die kahlen oder schneebedeckten Zweige des Rötchenapfelbaumes hinüber zu spähen, ob sich nicht die Gestalt des Mädchens einmal erblicken ließe. Ja, als ihn plötzlich die Furcht überfiel, daß Sophie vielleicht gleichgültig gegen ihn geworden sei und die Spinnstuben besuche, schlich er sich an dunklen Abenden nicht selten leisen Fußes durch das Dorf, um dort, wo der Jubel herrschte, zu warten und zu spähen. Einmal, als die Nacht ihren schwarzen Sturmmantel anhatte, ging er sogar über die gefrorene Despe durch den Bauernhof bis unter das Fenster des Drewesschen Hauses. Als er indes seine Befürchtung nicht bestätigt fand, sondern Sophie mit hängendem Kopfe neben der Mutter am Spinnrade sitzen sah, wurde es ihm nicht gar schwer, die in ihm lodernde Leidenschaft mit Hilfe des Trotzes zu bändigen und weiterhin den Grollenden zu spielen.

Fünfzehntes Kapitel.

Ein linder Wind kommt das Tal entlang. Die ungeheueren, harten Schneemassen, die viele Wochen hindurch die Armut geängstigt und den Tieren im Walde eine bittere Todesnot bereitet haben, beginnen sich zu lösen. Aus dem linden Winde wird ein brausender Sturm, der in den Bergen hüben und drüben mächtige Gewässer aufjagt. Aschfarben rollen sie aus den Wäldern daher, häufen in den kantigen Buchten gischtende Schaumkronen, kreisen hier und dort in wogenden Stauungen.

Weiter dann im machtvollen Drange rasen die Gewässer die Senkungen entlang, quer über die Wege, hinaus, hinaus in die breiten, blitzenden Gefilde, wo die gelben Gewässer ihrer harren und sich zur Weiterreise flugs mit ihnen vereinen. Gurgelnd, glucksend stürzen die schlammigen Fluten, oft tiefe Löcher reißend, auf den Äckern hinab, zuletzt gar durch die Höfe und Häuser dem Bache zu, der weit über seine Ufer hinausgedrängt wird.

Der Himmel ist wie reingefegt und rundet sich in seiner tiefblauen Unendlichkeit über der neu sich gestaltenden Welt. Ganz vereinzelt hat der Sturm noch einige schmale Gewölkstreifen zurückgelassen. Man denkt unwillkürlich an eine frisch gefegte Bauernstube, in der nach eiligem Kehren gewöhnlich noch einige Sand- oder Staubstreifen zurückgeblieben sind. Frisch und frei streift das Auge in die Weite. In lieblicher Bläue und näher gerückt als gewöhnlich erscheinen die Berge des Harzes; aber hoch über ihnen ragt noch das weiße bleiche Brockenhaupt — wie wenn ein Greis über seine dunkellockigen Enkel hinweg schaut. Nordwärts, wo die Sonne zur Rüste geht, blitzen herrliche Silberbänder auf: Es sind die kleinen Ströme, welche die jungen, schäumenden Wasser aus den Wäldern und Feldern der Leine zutragen, es ist die Leine selbst, die sich heute gegen ihre sonstige Natur im nachbarlichen Tale gewaltig zu dehnen beginnt.